This entry is part 6 of 7 in the series Die Zukunft denken

Der Blick zurück

Looking Backward 2000-1887, 1888 veröffentlicht, die utopische Vision des amerikanischen Juristen, Journalisten und Schriftstellers Edward Bellamy (1850-1898), greift die Angst, aber auch den Optimismus des “vergoldeten Zeitalters“ (Gilded Age) auf.

Der Roman entstand in einer unruhigen Zeit: Das Sozialgefüge schien außer Kontrolle. Die – später sogenanten – “Räuberbarone“ (robber barons) hatten die Möglichkeiten, die sie hatten, überspannt. Ihre “Erfolge“ gingen auf Kosten der Arbeiterschaft. Streiks waren die Konsequenz. Es bildeten sich die ersten landesweiten Gewerkschaften heraus; die Medien berichteten von Gewalt und Korruption.

Bellamy versuchte, mit seinem Roman besonders die reformwillige obere Mittelschicht zu erreichen, die durch Medienberichte verunsichert war. Seine primäre Botschaft lautete: Das “Goldene Zeitalter“ liegt nicht hinter, sondern vor uns. Es gibt einen evolutionären Weg zu einer besseren Gesellschaft, gewaltfrei.

Das Buch inspirierte die Bildung von Vereinen, die der Verbreitung seiner Ideen gewidmet waren. Looking Backward wurde darüber hinaus zur internationalen Sensation. Es wurde in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt, plus Russisch, Hebräisch, Chinesisch und Japanisch. (McLemee) Der Roman, einer der ersten internationalen Bestseller, verkaufte sich mit mehr als 1.000.000 Exemplaren.

Ein “Märchen vom sozialen Glück“: Zum Romankonzept

Bild: Schutzumschlag der Ausgabe von 1888. Gescanntes Abbild der Originalausgabe. Public Domain.

McLemee beschrieb die utopische Literatur als eine Kreuzung zwischen Fabel und Essay (a hybrid of the fable and the essay). Bellamy schien es zunächst mehr die Fabelkomponente zu gehen, um ein in die Zukunft verlegtes soziales Märchen:

In undertaking to write Looking Backward I had, at the outset, no idea of attempting a serious contribution to social reform. The idea was a mere literary fantasy, a fairy tale of social felicity. (“How I Came to Write Looking Backward“)

Für sein “Märchen vom sozialen Glück“ (fairy tale of social felicity) wählte er ein erzählerisches Szenario, das die Psychologie seines Erzählers in den Mittelpunkt rückte. Der Zeitreisende Julian West erzählt seine Geschichte in der ersten Person: Unterstützt durch Dr. Leete und seine Tochter Edith schreibt er auf, wie er das neue Boston auf der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert erlebte.

Er beginnt mit einer kurzen biographischen Vorstellung. Geboren im Jahre 1857 ist er der Sproß einer bequem lebenden Familie. Um seine Position im Gesellschaftsgefüge seiner Zeit zu erklären, rekurriert er auf die “Stage Coach“-Analogie. Im ersten Kapitel heißt es:

Um dem Leser einen allgemeinen Einblick in die Art und Weise zu geben, wie die Menschen in jenen Tagen zusammenlebten und wie im besonderen die Beziehungen der Reichen und der Armen zu einander waren, kann ich vielleicht nichts Besseres thun, als die Gesellschaft, wie sie damals war, mit einer riesenhaften Kutsche zu vergleichen, vor welche die Massen der Menschen gespannt waren, um sie mühselig auf einer sehr hügeligen und sandigen Straße dahin zu schleppen. Der Kutscher war der Hunger, und er verstattete keine Rast; dennoch kam man nur sehr langsam vorwärts. (Übersetzung: Georg von Gizycki)

In Bellamys Kutschenbild gab es zwei Kategorien von Menschen, diejenigen, die Kutsche zogen und die anderen, die auf Deck die Fahrt genießen konnten:

Ungeachtet der Schwierigkeiten, diese Kutsche auf einer so mühseligen Bahn vorwärts zu bringen, war das Verdeck des Wagens mit Passagieren gefüllt, die niemals abstiegen, selbst nicht an den steilsten Stellen. Die Decksitze waren sehr luftig und angenehm. Sie waren außer Bereich des Staubes, und die Inhaber konnten sich mit Muße der Scenerie erfreuen oder über die Verdienste des sich anstrengenden Vorspannes ihre kritischen Bemerkungen machen. Solche Plätze waren natürlicherweise sehr begehrt, und der Mitbewerb um dieselben war sehr hitzig, da jeder es als seine erste Lebensaufgabe betrachtete, einen Sitz auf dem Wagen für sich selbst zu erlangen und ihn seinem Kinde zu hinterlassen.

Es gab jedoch Zufälle, die das System ins Wanken brachten:

Nach dem Kutschenreglement konnte jeder seinen Sitz überlassen, wem er wollte; aber andererseits gab es manche Zufälle, durch welche ein Sitz jederzeit völlig verloren werden konnte. Denn obschon diese Sitze sehr bequem waren, so waren sie doch sehr unsicher, und bei jedem plötzlichen Stoße der Kutsche flogen Personen aus ihnen und fielen zu Boden, wo sie sogleich gezwungen wurden, den Strick zu ergreifen und die Kutsche, in welcher sie noch kurz zuvor so angenehm gefahren waren, fortziehen zu helfen. Es wurde natürlich für ein schreckliches Unglück gehalten, seinen Sitz zu verlieren, und die Besorgnis, daß dies ihnen oder den Ihrigen begegnen könnte, lastete stets wie eine Wolke auf dem Glücke derer, welche fuhren. (ebd.)

Aus der Rückschau beschreibt sich Julian West als einen jener priviligierten Zeitgenossen, die – im Bild gesprochen – die Chance hatten, einen der begehrten Decksitze in der Kutsche einzunehmen.

Bei der Entwicklung seines Romankonzepts hatte sich Bellamy offenbar eine Strategie zurechtgelegt. Hierzu Wolfgang Both

Dies macht einen weiteren Kniff Bellamys deutlich: Indem er mit Julian West den Prototypen eines reichen, verwöhnten, gelangweilten jungen Mannes der Oberschicht in die Zukunft schickte, konfrontierte er ihn mit dem Schicksal seiner eigenen Klasse. Sie erfährt die größten Veränderungen in dieser sozialen Umwälzung, verliert ihre Positionen und die soziale Stellung, ihre materiellen Werte und Heiligtümer, ihr Selbstwertgefühl und ihr soziales Bezugssystem. Wenn es gelingt, diese Person von dem neuen System zu überzeugen, wenn Julian West in der neuen Zeit nicht nur aufgenommen wird, sondern selbst ankommt, dann ist der Damm gebrochen, dann hat die Idee auch den Letzten erfasst. Mit der Albtraumsequenz am Schluss des Buches scheint dies belegt zu sein.

Zeitgeschichtlicher und biographischer Kontext

Bild: Foto Cartoon des Golkondo-Verlags nach einem Foto, circa 1889, Autor unbekannt, Public Domain. 

Bellamy, Jahrgang 1850, stammte aus Chicopee Falls, Massachusetts, einm kleinen Ort mit vielen Industrien: Baumwollwebereien, Textilfabriken, Messing- und Eisengießereien, Papierherstellung, u.a.m. Er wuchs in einer religiösen Familie auf. Großvater und Vater waren kalvinistische Prediger; beide wurden aus ihren Stellungen gezwungen, weil sie unorthodoxe Ideen vertraten. Bellamy optierte nicht für eine religöse Laufbahn. Er kam mit der passiven Haltung der Kirche seiner Zeit gegenüber menschlichem Leid und die Vertröstung auf ein besseres Jenseits nicht zurecht. Er studierte Jura und wurde Journalist, schrieb u.a. für die New York Evening Post und den Springfield Union. Looking Backward entstand in einer Zeit, in der die Industrialisierung rasante Fortschritte und die wachsende Zahl von Einwanderern Arbeit immer billiger machte. Angesichts der Arbeitskämpfe mit Streiks und Aussperrungen (vgl.u.a.The Haymarket Riot in Chicago, 1. Mai 1886) sah sich der Journalist und Zeitungsherausgeber Edward Bellamy gezwungen, sich konkret mit den drängenden sozialen Problemen seiner Zeit zu befassen.

Bellamy hatte vermutlich keinen direkten Kontakt zur Gewerkschaftsbewegung. Was er wusste, schien er den Medien entnommen zu haben. Er verarbeitet seine Überzeugungen im 24. Kapitel von Looking Backward

Als wir bei Tisch saßen, amüsierte sich Dr. Leete mit der Durchsicht des von mir mitgebrachten Blattes. Wie bei allen Zeitungen jener Periode handelte ein großer Teil desselben von der Arbeiterbewegung: von Ausständen, Sperren, Boykottierungen, den Programmen der Arbeiterparteien und den wilden Drohungen der Anarchisten.

“Dabei möchte ich fragen,“ sagte ich, als der Doktor uns einige Abschnitte vorlas, “welchen Anteil die Anarchisten an der Neuordnung der Dinge hatten. Sie machten damals einen beträchtlichen Lärm, – das ist das Letzte, was ich von ihnen weiß.“

“Sie hatten natürlich nichts damit zu thun, außer insofern sie dieselbe hinderten,“ entgegnete Dr. Leete. “Sie thaten das sehr erfolgreich, so lange sie existierten; denn ihr Geschwätz widerte die Menschen an, sodaß sie selbst auf die besterwogenen Vorschläge für eine sociale Reform nicht hören wollten. Die Unterstützung dieser Burschen war einer der schlauesten Kniffe der Gegner der Reform.“

Zu schaffen macht ihm die Idee, die Gewerkschaften könnten gekauft gewesen sein:

“Ihre Unterstützung!“ rief ich erstaunt.

“Gewiß,“ erwiderte Dr. Leete. “Keine Autorität auf dem Gebiete der Geschichte zweifelt heute daran, daß sie von den großen Monopolisten dafür bezahlt waren, die rote Fahne zu schwingen und von Brand, Raub und Mord zu reden, um durch Einschüchterung der Furchtsamen jede wirkliche Reform zu verhindern. Was mich am meisten in Verwunderung setzt, ist der Umstand, daß Sie so arglos in die Falle gegangen sind.“

“Welches sind Ihre Gründe, zu glauben, daß die Partei der roten Fahne Unterstützungen erhielt?“ fragte ich.

“Nun, mein Grund ist einfach der, daß die Leute doch gesehen haben müssen, daß sie durch ihr Verhalten ihrer vorgeblichen Sache tausend Feinde für einen Freund machten. Wenn man nicht annimmt, daß sie zu der Arbeit gedungen waren, so traut man ihnen eine ganz unfaßbare Thorheit zu. … In den Vereinigten Staaten zumal konnte keine Partei verständigerweise erwarten, ihr Ziel zu erreichen, wenn sie nicht zuvor die Mehrheit des Volkes für ihre Ideen gewann, wie es dann wirklich der Nationalistenpartei gelang.“

Die Geschichte (Plot)
Wie in allen utopischen Romanen ist auch in Looking Backward die Handlung minimalistisch. Dr. Leete, ein angesehener Mediziner, hatte Julian West, den Erzähler, bei Ausgrabungen für ein Labor gefunden, ihn bei sich aufgenommen und erklärt ihm, unterstützt von seiner Tochter, die neue Welt, die jener offenbar 103 Jahre auf wundersame Weise verschlafen hatte. In seinem Bericht beginnt der Erzähler mit der seiner Vorgeschichte. In seinem vorhergehenden Leben war er mit Edith Bartlett, einer schönen, anmutigen Bostoner “Aristokratin“ verlobt. Beide gehörten derselben sozialen Schicht an, saßen “an Deck der Kutsche“. Sie hatten vor zu heiraten, sobald ihr Haus fertig war. Der Termin zögerte sich jedoch durch die häufigen Streiks der Arbeiter immer wieder hinaus:

Unsere Hochzeit sollte stattfinden, sobald das Haus fertig geworden war, das ich für uns in einem der gesuchtesten, das will besagen der vornehmsten Stadtteile erbauen ließ. Man muss nämlich wissen, dass damals die Nachfrage nach Wohnungen in den verschiedenen Stadtteilen Bostons nicht von der natürlichen Umgebung abhing, sondern von der Art der Bevölkerung, die in einer Gegend ihren Sitz hatte. Jede Klasse oder Nation wohnte für sich, in ihren eigenen Vierteln. Der Reiche, der unter den Armen, der Gebildete, der unter den Ungebildeten sein Heim hatte, glich einem Menschen, der abgeschieden und einsam unter einer neiderfüllten und fremden Rasse lebte. (1. Kapitel)

Julian hatte von seinen Vorfahren ein eigenes Haus geerbt: ein großes, altes, aus Holz gebautes Herrenhaus, auf eine altmodischer Weise sehr elegant, so beschreibt er es; es erschien ihm jedoch für ein Leben mit seiner zukünftigen Frau ungeeignet, da es in einem Viertel lag, in dem sich zunehmend Manufakturen ansiedelten und Mietshäuser (tenement houses) gebaut wurden. (Kapitel 2)  Damals habe er an einer hypernervösen Veranlagung gelitten, schlecht geschlafen, und sich deshalb im Keller seines Hauses eine Schafkammer eingerichtet, eine Art unterirdischen Bunker, der ihn vor den Straßengeräuschen von Boston abschirmen sollte. Jeden Abend sei ein Arzt vorbeigekommen, ein Dr. Pillsbury, kein eigentlicher Mediziner, sondern das, was man – so West – einen Quacksalber (a quack doctor) – nannte. Pillsbury habe ihn jeden Abend mittels Hypnose in eine Art Tiefschlaf versetzt. Eines Nachts habe sein Haus Feuer gefangen und sei abgebrannt, doch seine unterirdische Kammer habe ihn geschützt. Stück für Stück erkundet er die neue Gesellschaft. Im Laufe der Zeit verlieben sich Julian and Edith. Sie offenbart ihm, dass sie die Urenkelin von Edith Bartlett sei, Julians ehemaligen Verlobten aus dem 19. Jahrhundert.

Am Ende des Romans hat Julian einen Traum. Er träumt, er wäre rückversetzt in seine Vergangenheit der 1880er Jahre; dies jedoch mit dem Wissen um die utopische Zukunft. Schweißgebadet wacht er auf, erleichtert, dass es nur ein Albtraum war. Er ist in der neuen Zeit angekommen.

Bellamys Vision

Als erstes nimmt Dr. Leete Julian mit auf die Dachterrasse seines Hauses und zeigt ihm die Aussicht auf den Back Bay District von Boston. In seinem ersten Leben war der Charles River eine einzige Mülldeponie. Gestank stieg vom Brackwasser auf.  “Ich sah nach Westen. Das blaue Band, das sich zum Sonnenuntergang hinaufzieht – war es nicht der gewaltige Charles?“ wundert sich West. Und den Smog gabs nicht mehr, keine umweltverschmutzenden Schornsteine. Alles war klarer und grüner geworden. Von der Dachterrasse konnte West bis zur Green Island im Boston Harbor sehen, über eine Entfernung von mehreren Meilen.

Julian West führt den Wandel auf die neue Ethik zurück:

… heute ist es ein Axiom der Ethik, dass einen Dienst von einem anderen zu akzeptieren, den wir nicht willens sind zurückzugeben, ist wie etwas auszuleihen mit der Absicht, es nicht zurückzugeben. Einen solchen Dienst zu erzwingen, in dem die Armut oder Not von Menschen ausgenutzt wird, kommt einer Greueltat wie dem gewaltsamen Raub gleich. (Kapitel 14; meine Übersetzung)

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Textausgaben (Online)

Looking Backward: (Projekt Gutenberg) 

Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 in der Übers.von Clara Zetkin.

Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887. In der Übers. von Georg von Gizycki.

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Während es im 19. Jht gang und gebe war, Dienste anderer zu akzeptieren, ohne sie zurückzuzahlen, kommt ein solches Verhalten in der neuen Gesellschaft einem Verbrechen gleich.

Kapitel für Kapitel arbeitet der Erzähler die Merkmale der neuen Gesellschaft ab.

Struktur der Arbeitswelt
Es müssen nur noch sechs oder vier Stunden am Tag gearbeitet werden. Mit dem 45. Lebensjahr können sich alle pensionieren lassen ohne ihr Anrecht auf ein – heute würde man sagen – “Grundeinkommen“ zu verlieren. Dies ist möglich durch eine Volkswirtschaft, die auf Gemeinschaft und Kooperation basiert. Kernstück ist eine Institution, die Bellamy – aus heutiger Sicht unglücklicherweise – “Industriearmee“ (industrial army) nannte. Es handelt sich um eine Art Arbeitsdienst im Dienste der Gemeinschaft. Alle sollen
entsprechend ihren Fähigkeiten ausgebildet werden, allerdings müssen auch unbeliebte Arbeiten verrichtet werden.

Aus historischer Sicht ist die Wahl der Bezeichnung nachvollziehbar: Vermutlich war für Bellamy das Militär ein Ort, an dem er Ordnung und die Hingabe an ein Ziel am stärksten repräsentiert fand. In seinen späteren Schriften milderte er die Idee ab.  “Die Struktur der Arbeitswelt erinnert ein bisschen ans Militär und ein bisschen an die Freimaurerei, indem verschiedene Grade des Wissens und Könnens vorgestellt werden, die einer zunehmenden Weisungsbefugnis entsprechen und im Oberhaupt, dem Präsidenten der USA, gipfeln. Diese Vorgesetzten arbeiten dann auch über das Pensionsalter hinaus – fürs gleiche Geld wie alle, aber für eine höhere Ehre.“ schrieb P.H. in einer Rezension.

Shopping im neuen Boston (Distribution Centers)
Wer mit seiner Kreditkarte einkaufen möchte, begibt sich in die sog. distribution centers: riesige Lagerhäuser (national storehouses), in denen alle verfügbaren Waren ausgestellt sind. Die Läden sind mit den individuellen Haushalten durch ein Rohrsystem verbunden. Man ordert die gewünschten Waren, die bereits in den Haushalten angekommen sind, bevor die BestellerInnen zurück sind.

Das Musiktelefon

Bild. Fernempfänger (long distance transmitter), 1886.

Bellamy beschreibt den Fernempfänger in Kapitel 11. Nach ihren Einkäufen im Distribution Center kehren Edith und Julian nach Hause zurück. Edith fragt Julian, ob er Musik hören möchte:

“Lieben Sie Musik, Herr West?“ fragte Edith.

Ich versicherte ihr, daß sie nach meiner Meinung das halbe Leben sei. […] “Nichts würde mir eine so große Freude machen, als Ihnen zu lauschen,“ sagte ich.

“Mir!“ rief sie lachend aus. “Glaubten Sie, ich wollte Ihnen etwas vorspielen oder vorsingen?“

“Ich hoffte es, gewiß,“ erwiderte ich. […] “So kommen Sie denn in das Musikzimmer,“ sagte sie, und ich folgte ihr in einen Raum, welcher ganz in Holz ausgelegt war, ohne Tapeten, auch der Boden von poliertem Holze. […] “Bitte, sehen Sie sich das heutige Programm an,“ sagte sie, indem sie mir eine Karte reichte, “und sagen Sie mir, was Sie vorziehen würden. Es ist jetzt fünf Uhr, müssen Sie wissen.“

Die Karte trug das Datum “Den 12. September 2000″ und enthielt das größte Konzertprogramm, das ich je gesehen hatte. Es war so mannigfaltig, wie es lang war, und enthielt eine außerordentliche Anzahl von Solos, Duetts und Quartetts für Vokal- und Instrumentalmusik und viele Orchesterkompositionen. Die erstaunliche Liste setzte mich in Verwirrung … (Gizicky-Übersetzung)

In der neuen Zeit wird Musik von professionellen Musikern gemacht, die im Rahmen des Systems eine Ausbildung für musikalischen Künste erhalten hatten. Jeder Haushalt ist über Telefonleitungen mit den Konzertstudios in der ganzen Stadt verbunden. Musik ist jederzeit verfügbar, was Julian besonders schätzt: Sie ist ein Trost für Kranke und Schlaflose.

Kreditkarten
Jeder Bürger und jede Bürgerin des neuen Boston hat eine sog. Kreditkarte. Sie ist nicht mit der erstmals 1924 von der Western Union angebotenen Kreditkarte zu vergleichen. Man muss sich die Bellamysche Kreditkarte als Gutscheine vorstellen, die dazu berechtigen, Waren und Dienstleistungen in den Shopping Centers, den sog. Distribution Centers, einzukaufen oder andere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, beispielsweise das Musiktelefon.

Gesetzgebung und Justiz
Ein Punkt beunruhigt Julian noch: Er möchte mehr über die Gesetzgebung erfahren:

“Aber, wenn es keine Gesetzgebung in den Einzelstaaten und keinen Kongreß giebt, der sich, wenn auch nur alle fünf Jahre, versammelt, wie bringen Sie dann überhaupt Gesetze zu stande?“

“Wir haben keine Gesetzgebung,“ erwiderte Dr. Leete, “das heißt nahezu keine. Es kommt hin und wieder vor, daß der Kongreß, während er tagt, einige neue Gesetze in Erwägung zieht, die von Wichtigkeit zu sein scheinen. Dann darf er sie aber lediglich dem nächstfolgenden Kongresse zur Annahme empfehlen, damit nichts übereilt geschehe. Wenn Sie einen Augenblick nachdenken, Herr West, so werden Sie sehen, daß wir eigentlich nichts haben, worüber wir Gesetze machen könnten. Die Grundprinzipien, auf denen unsere Gesellschaft beruht, haben für alle Zeiten die Streitigkeiten und Mißverständnisse beseitigt, welche zu Ihrer Zeit eine Gesetzgebung nötig machten. (Kapitel 19)“

Zeitgenössische Kritik

Bild: William Morris, “Wandle“. Der britische Rezensent von Bellamys Looking Backward hatte eine Firma gegründet, die schöne Innendesigns für wenig Geld erschwinglich machen sollte.

Stärkster Gegenspieler in der Zeit war der englische Sozialist William Morris, selbst Autor einer Utopie (News from Nowhere, 1890). Er rezensierte Looking Backward im Juni 1889 im Commonweal, der von ihm selbst gegründeten Zeitschrift der neu entstandenen Socialist League. Ihr Ziel es war, sozialistische Ideen zu verbreiten und neue Anhänger zu rekrutieren. Wichtig für Morris war es, in seiner Rezension von Bellamys Looking Backward klarzustellen, dass die Überzeugungen, die Bellamy in seinem Roman vertrat, nicht diejenigen der Mehrheit der Sozialisten widerspiegelten, sondern dem individuellen Temperament des Autors geschuldet wären. Besonderer Kritikpunkt war die Organisation gesellschaftlich notwendiger Arbeit:

[Bellamy] erzählt uns, dass jeder Mensch frei sei, seine eigene Beschäftigung zu wählen und dass Arbeit keine Last sei; der Eindruck, den er jedoch hinterlässt, ist der einer riesigen Armee, die – von einem geheimnisvollen Schicksal gedrillt – permanent Angst erzeugt, damit Waren produziert werden, die jede Laune befriedigen, wie verschwenderisch und absurd auch immer.

Morris glaubte nicht, das durch den Einsatz von immer neuen Maschinen das Leben aller erträglicher werde:

… (D)er vermehrte Einsatz von Maschinen wird nur den Maschinenpark vergrößern; ich glaube, dass das Ideal der Zukunft nicht in Richtung auf Minderung menschlicher Energie durch Reduktion der Arbeit auf ein Minimum weist, sondern vielmehr darauf gerichtet ist, die Strapazen, die mit Arbeit verbunden sind, auf ein Minimum zu reduzieren, dergestalt, dass sie nicht mehr als Schmerz wahrgenommen werden. (Morris, “Bellamy’s Looking Backward“, meine Übersetzung)

Für Morris ging es darum, die Arbeit selbst attraktiver zu machen.

Wirkung
Looking Backward wurde in den USA breit rezipiert. Der Roman sprach ein nationales Publikum an, das einerseits unter den Auswirkungen der Depression von 1883 litt und von Auseinandersetzungen in der Industrie (Haymarket Riot in Chicago, 1886) verunsichert war, gleichzeitig jedoch auch für Reformideen ein offenes Ohr hatte. Bellamy hatte es vermieden, seine Utopie mit dem Begriff des “Sozialismus“ in Verbindung zu bringen, ein Begriff, von dem er annahm, dass er das Publikum, das er im Auge hatte, verschrecken würde. Die “Bellamy-Clubs“, die sich später gründeten, um seine Ideen zu verbreiten, nannten sich “Nationalist Clubs“, ein Etikett, das Ende des 19. Jahrhundert positiver geklungen haben mag als heute.

Auch außerhalb der Vereinigten Staaten fand der Roman reges Interesse. Er soll in 20 Fremdsprachen übersetzt worden sein.  Lew Tolstoi soll 1889 Looking Backward gelesen undaußerordentlich bemerkenswert“ befunden haben. Auch Nadezhda Krupskaya, die spätere Frau Lenins, hatte das Buch gelesen, stieß sich jedoch am evolutionären Gedanken, dem Bild einer “zukünftigen Gesellschaft ohne Kampf und Kollektiv“. (Clara Zetkin’s 1914 Preface to Edward Bellamy’s Looking Backward). Vor 1917 wurden 50.000 Exemplare des Buches verkauft (Maxim Gorki).

Die Große Depression der 1930er Jahre in Amerika schuf eine wirtschaftliche und soziale Atmosphäre, die der der Depressionen der 1870er und 1880er Jahre ähnlich war. Das führte zu einem wiedererwachten Interesse an den Ideen Bellamys. Arthur Morgan, Architekt des New Deal und Leiter der Tennessee Valley Authority, schrieb in seiner nach-TVA-Zeit eine 400-seitige Biographie Bellamys.

Was bleibt?
Looking Backward ist eine Mischung aus Kritik am amerikanischen Frühindustrialismus und prophetischer Vision einer postkapitalistischen Gesellschaft. Kern- und Angelpunkt ist die Ethik menschlichen Zusammenlebens. Die sah Bellamy zu seiner Zeit extrem gefährdet. Bei den praktischen Vorschlägen ist er jedoch verwundbar. Dabei geht es nicht um die “giftigen Implikationen“ (toxic implications) des Romans (Sloat), die in den staatssozialistischen Projekten des 20. Jahrhunderts zutage traten: Die literarische Utopie ist ein eigenständiges Genre, das sich nicht an Realisationen bemisst. Es gibt jedoch Facetten im utopischen Denken Bellamys, die fehlen oder zu kurz greifen. Das trifft besonders auf die Rolle von Frauen zu. Bellamy mag da weitergegangen sein als die Mehrzahl seiner Zeitgenossen. Dennoch bleibt er hinter den Sozialisten und Anarchisten seiner Zeit zurück. Eine Frau vom Profil einer Emma GoldmanAnarchistin, Friedensaktivistin, feministische Theoretikerin –  wäre wohl kaum mit der Darstellung von Frauen in Looking Backward einverstanden gewesen. Edith Leete, die Julian bei der Erkundung der neuen Gesellschaft zur Seite steht, scheint es ausschließlich darum zu gehen, ihren Scharfsinn als Shopperin in den Verteilungszentren (distribution centers) zu perfektionieren.

Ausgeblendet ist auch die Rassenfrage, ein virulentes Thema zu Bellamys Zeit. Der einzige individuelle Farbige, der in Looking Backward erwähnt wird, ist Bellamys loyaler Diener Sawyer. Jeden Abend legt er ihm seine Mail zurecht, jeden Morgen, wenn er aus seinem Tiefschlaf aufwacht, ist er mit einem Drink zur Stelle, der seine Lebensgeister reanimieren soll.

Bellamy ist da am bestem, wo er von seinem Gerechtigkeitsempfinden erzählt und Bilder entwickelt, sie seinem Publikum zu vermitteln. Dabei spielt der technische Fortschritt eine entscheidende Rolle. Obwohl er die Bedingungen scharf kritisierte, unter denen Menschen zu seiner Zeit in den Textilfabriken arbeiteten, sah er in der Fortentwicklung der Technik ein Potenzial, das – zum Wohl der Allgemeinheit eingesetzt – ein positiver Wert des neuen Jahrtausends sein würde. Viele Details wären erwähnenswert. So legte Bellamy u.a. den Grundstein für das, was man heute Planungskultur nennen würde. Auf der individuellen Ebene war ihm die Balance zwischen Broterwerbsarbeit und Entspannung wichtig. In Kapitel 18 heißt es:

Wenn Brot die erste Bedingung für das Leben ist, so ist Erholung nahezu die zweite und nächste, und die Nation sorgt dafür, daß beide befriedigt werden. Die Amerikaner des neunzehnten Jahrhunderts waren in der unglücklichen Lage, weder für das eine, noch für das andere dieser Bedürfnisse geeignete Vorkehrungen zu besitzen.Selbst wenn das Volk in jener Zeit sich größerer Muße erfreut hätte, so würde es, glaube ich, oft in Verlegenheit gewesen sein, wie es dieselbe angenehm zubringen solle. In dieser Lage sind wir niemals.

Ebenfalls interessant ist der Aspekt der sozialen Absicherung (social security). 

In der Summe: Viele Themen, die Bellamy  – bereits 1888 – aufgriff, sind auch heute noch im 21. Jahrhundert relevant und warten auf eine intelligente Lösung.

Literatur

Bellamy, Edward. Looking Backward. From 2000 to 1887. Projekt Gutenberg (online).

Bellamy, Edward. Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887. In der Übers. von Georg von Gizycki, hrsg. von Wolfgang Biesterfeld, Stuttgart 1983. 

Bellamy, Edward.How I Came to Write Looking Backward!. The Nationalist (May 1889).

Both, Wolfgang. “Edward Bellamy und sein amerikanisches Umfeld.“ In: Ders. Rückblick aus dem Jahr 2000. Wiederaufllage der Clara Zetkin-Übersetzung. Golkonda-Verlag 2013.

Bowman, Sylvia E. The year 2000. A Critical Biography of Edward Bellamy. New York, Bookman Associates, 1958.

Buick, Adam. “Looking Back on Edward Bellamy.“ Socialist Standard No.1343 (July 2016)

Jürgensen, Dirk. “Rückblick auf Edward Bellamy.“ Das vergoldete Zeitalter.

Kopp, James J. “Edward Bellamy and the New Deal: The Revival of Bellamyism in the 1930s.“ Utopian Studies No. 4 (1991), pp. 10-16

Lipow, Arthur. Authoritarian Socialism in America: Edward Bellamy and the Nationalist Movement (Berkeley et al: University of California Press, c1982) 

McLemee, Scott. “Back to the Future“ The New York Times (December 24, 2000).

Michaelis, Richard. Looking Further Forward: An Answer to Looking Backward (Chicago and New York: Rand, McNally and Co., 1890).

Minor, Dennis. „Looking Backward at Progress and Poverty: Edward Bellamy and Henry George Look at the Future.“

Morris, William. „Bellamy’s Looking Backward“. Commonweal (21st June 1889).

Mullin, John R. and Payne, Kenneth, „Thoughts on Edward Bellamy as City Planner: The Ordered Art of Geometry“ (1997). Planning History Studies: Journal of the Society of American City and Regional Planning Historians. 34.

Naujocks, Carolin. “Edward Bellamy: Der Traum vom Radio für alle“. Deutschlandradio Kultur

Saage, Richard. “Planwirtschaft und Konsumgesellschaft. Edward Bellamys utopischer Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887„. Utopie kreativ, H. 111 (Januar 2000), S. 70-82.

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