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Erstaunlich aktuell

Thomas Morus‘ Utopia erschien vor 500 Jahren. Es ist der Reisebericht eines von einem erfolgreichen Politiker und ebenso erfolgreichen politischen Denker erfundenen Weltreisenden über eine entfernte Insel. Der lateinische Volltitel: De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia – „Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia“. Die Erstveröffentlichung geschah auf Betreiben des berühmten Humanisten, Zeitgenossen und Freund Erasmus von Rotterdam 1516 in Löwen im heutigen Belgien. Weitere Drucke folgten 1517 in Paris und 1518 in Basel. Die erste deutsche Übersetzung – unter dem Titel Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt, das andere Buch – erschien 1524. Hier wurde jedoch nur der zweite Teil, die eigentliche Erzählung, übersetzt.

Morus ist der Begründer eines literarischen Genres, dem utopischen Roman. Mit Utopia gab er ihm eine Bedeutung und Struktur, der sich auch aktuelle UtopistInnen und deren KritikerInnen nicht entziehen können. Der gelehrte Humanist setzte jedoch auch außerhalb der literarischen Tradition Zeichen. Als Staatsroman gelesen prägte die Schrift die Rolle, die heute das Utopische in der politischen Philosophie innehat. Viele Interessengruppen, die heute egalitaristische Ideen verfolgen, sehen Morus als Vordenker ihrer Überzeugungen. Ein Beispiel für die religiöse Wertschätzung ist seine Heiligsprechung durch Papst Leo XI. Für christlich orientierte politische Jugendgruppen ist er Vorbild mit Blick auf seine Unbeugsamkeit gegenüber der Staatsmacht, wofür Morus, im buchstäblichen Sinn, seinen Kopf herhalten musste.

Wer war dieser Thomas Morus?

ThomasMorus_PorträtHolbein_smallThomas Morus als Staatskanzler. Gemälde von Hans Holbein, dem Jüngeren, 1527, Frick Collection, New York.

Morus war aktiver Politiker und politischer Denker in einer Epoche, die durch zwei Strömungen gekennzeichnet war: Humanismus und Reformation. Heute würde man von einer Zeitenwende reden. Sie war u.a. geprägt durch die Entdeckung der „Neuen Welt“ in Übersee, das Entstehen eines neuen, rationalen und zentralistischen Staates (in die Zeit fällt Machiavellis Il Principe, 1513) und die Spaltung des Christentums (Erasmus von Rotterdam veröffentliche 1516 das griechische Neue Testament (1516), auf dem Luthers Bibelübersetzung basierte.

Thomas Morus (1477−1535) machte sich schon in jungen Jahren einen Namen als Anwalt, Politiker, Gelehrter und Schriftsteller. Während im Mittelalter der Glaube an die Vorbestimmtheit des Menschen durch sein unentrinnbares Schicksal vorherrschte, glaubte der Humanist Morus an Vernunft und Handlungsfreiheit, die jedem Menschen von Gott gegeben sei.

Morus war Kind einer Juristenfamilie. Seinen Vornamen erhielt er nach Thomas Becket, auch bekannt als Thomas von Canterbury, Lordkanzler Englands (1162 bis 1170) und später Erzbischof von Canterbury. Ab 1492 studierte Morus auf Wunsch des Vaters Rechtswissenschaften in Oxford und London. 1499 lernte er Erasmus von Rotterdam kennen, mit dem er sein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb. Im Alter von 23 Jahren wurde Morus Anwalt in London, mit 26 Jahren war er Mitglied des Parlamentes. Sein Haus im Londoner Stadtviertel Bucklersbury wurde zum Treffpunkt von Gelehrten und Künstlern: 1505/1506 lebte Erasmus für einige Monate dort; 1526 war der Maler Hans Holbein der Jüngere, der das bekannte Portrait von ihm malte, sein Gast.

1515 wurde Morus in diplomatischer Mission nach Flandern gesandt. Dort traf er Erasmus wieder und arbeitete an seiner programmatischen Schrift über die Gestaltung eines idealen Gemeinwesens, die 1516 erschien.

Seine weitere Lebensgeschichte hat im engeren Sinne zwar nichts mehr mit seiner Streitschrift Utopia zu tun; sie erklärt jedoch die Wertschätzung, die ihm heute zuteil wird. Im Privatleben engagierte sich Morus für die Erziehung seiner Töchter, denen er die gleiche Bildung zukommen ließ wie seinem Sohn. 1529 wurde Morus als erster Laie Lordkanzler von König Heinrich VIII. (eine Position, die etwa der eines heutigen Premierministers entspricht.) Heinrich war bekannt wegen seiner zahlreichen Ehefrauen. Als sich der Papst weigerte, die erste Ehe Heinrichs aufzulösen, fasste der König den Plan, sich von der römisch-katholischen Kirche zu trennen und selbst Oberhaupt der englischen Kirche zu werden. Dazu brauchte er Politiker, die es verstanden, sein Vorhaben dem Volk schmackhaft zu machen. Morus ließ sich jedoch dafür nicht gewinnen. Er stand fest zur Einheit der Kirche. Den sog. Suprematseid, den Treueeid auf die neue Verfassung, in der sich der König zum religiösen Oberhaupt der neuen Anglikanischen Kirche erklären ließ, verweigerte er. Thomas wurde im Tower in London eingesperrt, die Acht über ihn verhängt und sein Vermögen enteignet, was seine Familie in Armut stürzte. Seine Briefe und mehrere Traktate aus der Haft zeigen, dass er sein Martyrium mit Fassung ertrug. Nach 15 Monaten Haft im Tower wurde er durch ein Sondergericht als Hochverräter zum Tod durch Erhängen verurteilt. Das Urteil wurde am 6. Juli 1535 vollstreckt. Eine Anekdote erzählt, dass er bei seiner Hinrichtung den Henker gebeten haben sollte, beim Zuschlagen mit dem Beil auf seinen Bart zu achten, da dieser keinen Hochverrat begangen habe.

Auf Anordnung des Königs wurden kurz darauf auch die Gebeine von Morus‘ Namenspatron, Thomas Becket, aus der Kathedrale von Canterbury entfernt.

Morus wurde als erster unter den Humanisten als Märtyrer zunächst selig-, später heiliggesprochen.

Utopia: Guter Ort im Nirgendwo

Morus, der gelehrte Humanist, war in Bildungstraditionen aufgewachsen, die er mit jenen Zeitgenossen, deren Bekanntschaft er machte und mit denen er sich anfreundete, kommunizierte.

Zum Titel
Der Name, den Morus seiner entfernten Insel gibt, ist ein Kunstwort. Er setzt sich aus zwei altgriechischen Silben zusammen, die in der englischen Aussprache gleich klingen: οὐ (“nicht „) and τόπος (“Ort“), was soviel bedeutet wie “kein Ort“; alternativ: εὖ (“gut“, “wohl-“) und τόπος (“Ort“), was soviel bedeutet wie „guter Ort“. Zusammen: Guter Ort im Nirgendwo.

Die Vorrede
Dem ersten Teil des schmalen Bändchens – es umfasst insgesamt ca. 108 Seiten – geht ein Einleitung in Form eines platonischen
Dialogs voraus. Thomas Morus und ein Freund, Pieter Gillis – lateinischer Name Petrus Ägidius – ein niederländischer Humanist des frühen 16. Jahrhundert, 1486-1533) hören gespannt den Erzählungen eines weiteren Gesprächsteilenehmers, der erdachten Figur des Raphael Hythlodaeus zu, der ihnen von seinen Erfahrungen und Einschätzungen auf einer entfernten Insel namens “Utopia“ erzählt.

Später im Buch wird Raphael als “Weltreisender“ eingeführt. Er habe, so ein Freund von Morus, zwar Seereisen hinter sich, “aber nicht als Palinurus, sondern als ein Ulysses, oder vielmehr als ein Plato.“ Raphael sei im Lateinischen bewandert, habe aber das Griechische noch viel gründlicher inne. Er stamme aus Lusitanien (einer ehemaligen römischen Provinz im heutigen Portugal), habe sein väterliches Erbteil seinen Brüdern abgetreten und sich dem Seefahrer Amerigo Vespucci angeschlossen.

Der Nachname – so Experten – setze sich aus zwei griechischen Vokabeln (hýthlos = “Geschwätz“ und dăios = “kundig“) zusammen und bedeute so viel wie “Freund des Geschwätzes“. Auch der Vorname sei konnotationsreich. Hierzu Schölderle:

Hythlodaeus besitzt auch einen Vornamen: Raphael = hebr. “Gott hat geheilt“. Der Erzengel Raphael ist der Schutzpatron der Kranken, er machte den blinden Tobias sehend und gilt als der freundlichste und lustigste der Engelschar. Der Vorname ist gewiss kein Zufall. Dahinter versteckt sich die Botschaft, dass der fiktive Erzähler trotz (oder gerade wegen) seines Hangs zum Unsinn „Heilung“ für die europäischen Krankheiten verspricht und den Blinden die Augen zu öffnen vermag. Im humanistischen Kontext verstand es sich ohnehin fast von selbst, dass die Belehrung zugleich der Unterhaltung – und umgekehrt die Unterhaltung auch der Erkenntnis zu dienen habe. (Thomas Schölderle in einer Rezension)

Die beiden realen Gesprächspartner setzen Raphael zu. Sie bringen Argumente ins Spiel, die gegen eine Veröffentlichung des Bericht sprechen. Letztendlich scheint jedoch alles für eine Veröffentlichung zu sprechen. Es ist der Auftritt Raphaels.

Zeitkritische Diagnose der gesellschäftlichen Verhältnisse zu Beginn des 16. Jhts. in England (1. Buch)

Utopia besteht aus zwei Büchern. Im ersten geht es um eine Diagnose der gesellschaftlichen Zustände im England des frühen 16. Jhts., im zweiten um die Schilderung des von Raphael gelobten idealen Gemeinschaftswesens.

Damit man seine Überlegungen nicht als politische Schwärmerei abtun konnte, beginnt Thomas Morus Utopia mit einer Analyse der politischen Missstände im England seiner Zeit. Das erste Buch handelt von den viele Kriegen, dem harten Strafrecht, der Verelendung der Bauern und die Zunahme der Kriminalität. Wer die Utopia des Thomas Morus verstehen will, sagte der Utopieforscher Richard Saage, sei gut beraten, sie in der Perspektive ihrer strukturellen Verklammerung mit den Verelendungstendenzen im England des 16. Jahrhunderts zu lesen, auf die sie eine Antwort zu geben versucht. Thema ist insbesondere die Schafzucht und die damit einhergehenden Einhegungen des Agrarlandes. Dazu lässt Morus seine alter ego-Figur Hythlodaeus sagen:

›Eure Schafe‹, sagte ich, ›die so sanft zu sein und so wenig zu fressen pflegten, haben angefangen so gefräßig und zügellos zu werden, dass sie die Menschen selbst auffressen und die Äcker, Häuser, Familienheime verwüsten und entvölkern. Denn in jenen Gegenden des Königreichs, wo feinere, daher teurere Wolle gezüchtet wird, sitzen die Adeligen und Prälaten, jedenfalls sehr fromme Männer, die sich mit den jährlichen Einkommen und Vorteilen nicht begnügen, die ihnen von ihren Voreltern aus den Landgütern zugefallen sind, nicht zufrieden, in freier Muße und im Vergnügen leben zu können, ohne dem Gemeinwohl zu nützen, dem sie sogar schaden; sie lassen dem Ackerbau keinen Boden übrig, legen überall Weideplätze an, reißen die Häuser nieder, zerstören die Städte und lassen nur die Kirchen stehen, um die Schafe darin einzustallen, und als ob euch die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden wegnähmen, verwandeln jene braven Männer alle Wohnungen und alles Angebaute in Einöden. (Utopia, S.18)

Einer gerechten Politik stehe als Hindernis das Privateigentum entgegen: 

Überhaupt, mein lieber Morus, — um dir ganz unumwunden meine wahre Gesinnung zu entüllen — dünkt mich, dass, wo aller Besitz Privatbesitz ist, wo alles am Maßstab des Geldes gemessen wird, da kann es wohl kaum je geschehen, dass der Staat gerecht und gedeihlich verwaltet wird, wofern du nicht meinst, das sei die gerechte Verwaltung, dass das Kostbarste in die Hände der Schlechtesten kommt, oder unter glücklicher Regierung befinde man sich dort, wo alle Habe unter einige wenige verteilt wird, die auch nicht einmal besonders behaglich leben, während alle Übrigen ganz unleugbar elend daran sind.

Raphaels Erzählung: Seine Reise nach Utopien (2. Buch)

ThomasMorus_Insel_schwarz-weißBild: Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516

Im zweiten Buch berichtet der fiktive Weltreisende Hythlodaeus über die Insel Utopia, auf der er nach Eigenaussage mehrere Jahre gelebt habe. Die Insel bestehe aus 54 Städten, die alle – an der Hauptstadt Amaurotum (“Nebelstadt“) orientiert – gleich aufgebaut seien. Er spricht vieles an: die Lage der Insel, Land und Landwirtschaft, die Hauptstadt, den Tageslauf der Utopier, Arbeitsverteilung, Kleidung und Sozialordnung, Handel, die Einstellung der Utopier zum Geld, Fremde und Sklaven, Gesetze und Gerichte, das Kriegswesen.

Hier Textauszüge zu einigen Zentralthemen.

Amaurotum: Entwurf einer Gartenstadt

Der Stadt läge eine geometrische Struktur zugrunde. Es seien Städte von quadratischem Umriss, an einem Flüsschen gelegen: Wer eine kenne, kenne sie alle. (Utopia, S.76)

Die Straßen sind nicht allein zum Fahren, sondern auch die Winde abzuhalten geeignet; die Gebäude sind schmuck und bilden mit der Vorderfront eine zusammenhängende Reihe in einer Straßenbreite von fünfzehn Fuß. An der Hinterseite der Häuser liegen große Gärten, die ganze Länge der Straße entlang, an die wieder die Rückseite anderer Straßen stößt. Kein Haus, das nicht, wie vorneheraus die Straßentür, so nach hinten ein Pförtchen in den Garten hätte. Diese Türen sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, denn Privateigentum gibt es ja nicht. Denn selbst die Häuser vertauschen sie alle zehn Jahre durchs Los.

Die Stadtgestaltung spiegele die Gesellschaftsordnung wider:

Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier große Stücke. In ihnen haben sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, daß es alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge in der Pflege der einzelnen Gärten. Und sicherlich wird man nicht leicht in der ganzen Stadt etwas finden, was für die Bürger nützlicher oder unterhaltsamer wäre, und, wie es scheint, hat deshalb auch der Gründer des Reiches auf nichts größere Sorgfalt verwendet als auf derartige Gärten.

Arbeit und Eigentum

Für Raphael ist Arbeit etwas grundsätzlich Positives und Sinnvolles. In Utopia müsse niemand “müssig herumsitzen“ und seine Zeit “mit Ausschweifungen und Faulenzerei vergeuden“, sondern könne engagiert ein Gewerbe ausüben. Dazu würden alle ausgebildet. Das mache Utopia zu einem prosperierenden Gemeinwesen: 

Wo Geld der Maßstab aller Dinge ist, da müssen viel eitle und überflüssige Künste betrieben werden, die nur dem Luxus und den Lüsten dienen. Denn wenn dieselbe Anzahl von Leuten, die heutzutage überhaupt arbeiten, auf die wenigen Handwerke verteilt würde, die der natürlich einfachen Lebensweise nach bloß erforderlich sind, so würden die Preise so sehr sinken, dass die Handwerker von ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr zu bestreiten vermöchten. Aber wenn alle jene, die jetzt in müßigen Künsten und Gewerken beschäftigt sind, zusamt der ganzen Schar, die sich in Müßiggang und Nichtstun langweilt, und deren Jeder von den Erzeugnissen, die durch wirklich Arbeitende hergestellt werden, doppelt so viel verbraucht, als ein nützlicher Arbeiter, alle in praktisch nützlichen Berufen untergebracht würden, so würdest du mit Leichtigkeit gewahr werden, wie so sehr wenig Zeit mehr als übergenug ist, um alles das zu liefern, was entweder der unbedingte Lebensbedarf, oder die Behaglichkeit und selbst das Vergnügen — doch nur das wahre und natürliche — erheischt.

Die zu verrichtenden Arbeiten werden zentral zugeordnet. Damit es nicht zu Sklavenarbeit käme – wie es damals für die Handwerker üblich war – gäbe es in Utopia nur einen sechsstündigen Arbeitstag.

Kleidung

Raphael widmet ein eigenes Kapitel dem Zusammenhang von Arbeitsverteilung, Kleidung und Wohlstand. Die Kleidung der Utopier sei am Prinzip der Zweckmäßigkeit orientiert:

Nun sollst Du auch an der Kleidung sehen, wie wenig Arbeit die Utopier brauchen. Bei der Arbeit selbst sind sie ganz primitiv in Leder oder Felle gekleidet, die sieben Jahre aushalten. Wenn sie dann die Arbeit verlassen und auf die Straße gehen, ziehen sie ein Oberkleid über, welches jene gröbere Gewandung verdeckt; dieses hat dieselbe Farbe auf der ganzen Insel, und zwar die natürliche der Wolle. Sie brauchen daher viel weniger Tuchstoffe als anderswo und auch jenes eine Tuch kommt ihnen billiger. 

Einstellung der Utopier zu Geld

Ein Punkt, der aus heutiger Sicht für viel Irritation sorgt. Zum Kontext: Vor 500 Jahren bemaß sich Geld in Form von Gold und Silber. Die Utopier schätzten jedoch ihren Gebrauchswert nur im Vergleich zur Verwertbarkeit anderer, gefragterer Metalle:

[Die Utopier] bedienen sich nämlich unter sich keines Geldes, das sie vielmehr für solche Fälle aufheben, wo es ihnen von Nutzen werden kann, wenn es auch möglich ist, dass solche niemals eintreten. Mit dem Gold und Silber, woraus Geld hergestellt wird, hat es bei ihnen nämlich diese Bewandtnis, dass es kein Mensch höher schätzt, als ihm seinem natürlichen Werte nach zukommt, und wer würde da nicht einsehen, dass diese beiden Metalle weit unter dem Eisen stehen? Denn ohne dieses können die Menschen doch wahrhaftig ebensowenig leben, wie ohne Feuer und Wasser, während die Natur dem Gold und Silber keinen Gebrauch verliehen hat, dessen wir nicht leicht entraten könnten, und es nur die Torheit der Menschen ist, die der Seltenheit einen so hohen Wert beigelegt hat. 

Das zweite Buch endet mit einer Zusammenfassung der beiden Grundthesen:

1. Es läuft viel schief im zeitgenössischen England:

Wenn ich daher alle diese Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, prüfend an meinem Geiste vorbeiziehen lasse, so finde ich – so wahr mir Gott helfe! – nichts anderes als eine Art von Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen. Alle möglichen Schliche und Kniffe ersinnen und erdenken sie, um zunächst einmal das, was sie durch üble Machenschaften zusammengerafft haben, ohne Furcht vor Verlust zusammenzuhalten, dann aber alle Mühe und Arbeit der Armen so billig wie möglich zu erkaufen und ausnützen zu können. Sobald die Reichen erst einmal im Namen der Allgemeinheit, das heißt also auch der Armen, den Beschluss gefasst haben, diese Methoden anzuwenden, so erhalten sie auch schon Gesetzeskraft.

 2. Lob der utopischen Staatsverfassung

Ich habe euch so wahrheitsgemäß wie möglich die Form dieses Staates beschrieben, den ich bestimmt nicht nur für den besten, sondern auch für den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung »Gemeinwesen« für sich beanspruchen darf.

Rezeption

In ihrer Studie zur Rezeptionsgeschichte von Thomas Morus‘ Utopia zeigte Jenny Kreyssig Tendenzen der diversen Interpretationsrichtungen auf: satirisch, kommunistisch, ethisch-moralisch, humanistisch etc. Ihr Ergebnis: Die umfangreiche wissenschaftliche Literatur zur Utopia zeige, dass der Text vorwiegend für vorgefasste Zielrichtungen des 20. Jahrhunderts herangezogen worden sei, weniger jedoch die Absichten des Autors in den Mittelpunkt rücke. (Kreyssik, 1988). Daran hat sich auch im 21.Jht nicht viel geändert.

Im Rummel um den 500. Jahrestag der Veröffentlichung von Utopia las man allerorten Darstellungen und Einschätzungen. Beiträge, die sich Standards journalistischen Ethik verpflichtet fühlten (Kontextualisierung, Historisierung und Differenzierung), musste man wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen. Oft kamen Kommentare in einem „lockeren“ Stil daher, der jedoch – bei näherem Hinschauen – in jedem Satz unterschwellig wertende Urteile transportierte. (Beispiel wäre u.a. ein Welt-Artikel, dessen Titel man schon ansieht, was kommt (“Sechs-Stunden-Tag, Einheitskleidung, goldene Klos.“) In solchen Darstellungen geht es meist um die  – bewusste oder uneingestandene – Selbstkultivierung von gängigen Vorurteilen. Wer den modernen Liberalismus und Individualismus schätzt, wer der Marktwirtschaft mehr zutraut als einer kontrollierten Wirtschaft, wer Kreativität und Eigeninitiative anziehender findet als die Rücksicht auf ein Gemeinwohl, wird in Utopia nur eine Dystopie erkennen können: das Horrorbild einer normierten, unfreien Gesellschaft.

Oftmals wird Thomas Morus auch mit seiner Utopia als Vordenker heutiger egalitärer Konzepte genannt. Blaschke zeigt die Crux am Beispiel der Debatte um die Einkommensgarantie auf. Um mit dem populären Irrtum aufzuräumen, Morus sei Vordenker der Einkommensgarantie oder ähnlicher Ideen, geht er auf den Ursprungstext zurück und setzt die Ideen Morus‘ in den Zusammenhang einer generellen Wertschätzung gesellschaftlicher Arbeit. Bei Morus – so sein Fazit –  werde die materielle Existenz aller zwar gesichert, dies jedoch nun durch Arbeit, nicht durch eine garantierte Geldleistung des Gemeinwesens. Damit dies auch auf England übertragbar wäre, zitiert er den Vorschlag Hythodaeus‘, der für eine Regulierung der Ökonomie plädiert:

der Ackerbau soll wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es eine ehrbare Beschäftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder müßige Dienstmannen sind und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden“ (Blaschke).

Utopien als längere Gedankenspiele

Utopia ist ein vielschichtiges, spielerisches, oft ironisches, hauptsächlich jedoch ein kritisch-reflexives Werk. (Schölderle) Dadurch eröffnet es einen Raum für vielerlei Interpretationen. Der amerikanische Kulturforscher Fredric Jameson, der sich in vielen Beiträgen zum Erkenntniswert von Utopien äußerte, brachte einen interessanten Gedanken in die Debatte ein, der es wert ist, weiter verfolgt zu werden. Weniger als in der Propagierung einer idealen Gesellschaft, argumentiert er, läge der Erkenntniswert von Utopien darin, die Grenzen der eigenen Vorstellungsfähigkeit zu erfahren. Jameson schreibt:

Der erkenntnistheoretische Wert der Utopie liegt darin, dass sie uns die Mauern spüren lässt, die unseren Geist umschließen, die unsichtbaren Grenzen, die sie uns durch bloße Induktion zu erkennen gibt, sowie die Art und Weise, in der unsere Einbildungskraft an der Produktionsweise selbst festhängt, im Schlamm der Gegenwart, in der unsere utopischen Flügelschuhe stecken, überzeugt davon, es handele sich um die Schwerkraft an sich. (Jameson, “Utopia and Failure, übersetzt von Millay Hyatt)

Und weiter:

Wir sind wieder im Schlamm der Gegenwart angekommen, in der behauptet wird, dass die Realität, wie wir sie jetzt leben, die einzige ist; eine durchgreifende Änderung ist undenkbar und schon gar nicht umsetzbar. Es mag zwar sein, dass wir die „existenzielle Erfahrung unseres individuellen Lebens“ in einer Welt ohne die derzeitig geltenden Grenzen und Machtstrukturen nicht wiedererkennen würden, so radikal anders wäre sie. (ebd.)

Zu den aktuellen Herausforderungen sagt Jameson:

Es ist leichter, hat jemand einst gesagt, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus: und damit scheint der Gedanke einer Revolution, die den Kapitalismus stürzt, verschwunden zu sein. (Jameson, “Utopia, Dystopia, and the Myth of Neoliberalism“)

Heute brauchen wir literarische Utopien, die unsere eigene Befangenheit in liebgewordenen und sicher gewähnten Vorurteilen sprengen.

Literatur

Arnswald, Ulrich (Hrsg.), Hans-Peter Schütt (Hrsg.). Thomas Morus‘ Utopia und das Genre der Utopie in der Politischen Philosophie. Europäische Kultur und Ideengeschichte. 2011.

Assheuer, Thomas. „Irgendwo im Nirgendwo“: Was ist eine gerechte Gesellschaft? Und was ein perfekter Staat? Vor 500 Jahren erschien Thomas Morus‘ Bestseller „Utopia“, die Urschrift des Traums vom besseren Leben. Eine Handreichung für unsere Gegenwart?“. Die ZEIT (29. Dez. 2016).

Blaschke, Ronald. „Thomas Morus – Begründer einer Einkommensgarantie?“ Netzwerk Grundeinkommen (17.07.15)

Berglar, Peter. Die Stunde des Thomas Morus: Einer gegen die Macht. Adamas Verlag, 1989.

Braun, Johann. “Thomas Morus“, in: ders. Einführung in die Rechtsphilosophie: Der Gedanke des Rechts. Mohr Siebeck, 2006, S. 86-97. 

Kreyssig, Jenny. Die ‚Utopia‘ des Thomas Morus: Studien zur Rezeptionsgeschichte und zum Bedeutungskontext. Peter Lang, 1988.

Lammert-Türk, Gunnar. „Das Recht auf Widerstand: Zur Heiligsprechung von Thomas Morus am 19. Mai 1935“. Katholische Hörfunktarbeit. ( 31.05.2015)

Morus, Thomas. Utopia (1516). Der Text in der Übersetzung von Ignaz Emanuel Wessely, München, 1896.

Orzessek, Arno. „Possenreißers Insel-Narretei: ‚Utopia‘ von Thomas Morus“. Deutschlandradiokultur (19. Dez. 2016)

Saage, Richard. “Zum Verhältnis von Individuum und Staat in Thomas Morus‘ Utopia“. Utopie kreativ, H. 85/86 1997, S. 134-145.

Surtz, Ewald and J.H. Hexter, eds. The Complete Works of St. Thomas More. New Haven and London 1965.

“Thomas Morus.“ Ökumenisches Heiligenlexikon 

„Thomas Morus.Utopia“. Wikipedia 

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