This entry is part 1 of 7 in the series Die Zukunft denken

Literarische Utopien sind Entwürfe fiktiver Gesellschaftsordnungen, die nicht an gegebene historische, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen gebunden sind. Der Begriff „utopisch“ ist umgangssprachlich schillernd: Das Spektrum der Synonyme für „Utopie“ reicht von Vision, Idealbild, Zukunftstraum, Wunschbild bis hin zu Hirngespinst, Luftschloss, Unwirklichkeit.

Sich eine bessere Zukunft vorstellen zu können gehört zu den menschlichen Grundeigenschaften.  Viele utopische Träume früherer Generationen haben sich erfüllt. Zum Beispiel der Traum vom Fliegen. Ikarus, sagenumwobene Gestalt der griechischen Mythologie, baute sich Flügel, um seinen Traum vom Fliegen zu realisieren. Er missachtete den Rat seines Vaters Daedalus, der ihn vor möglichen Gefahren warnte. Ikarus befestigte seine Flügel mit Wachs, näherte sich zu weit der Sonne und stürzte ab. Trotz vieler Rückschläge ist Fliegen heute Alltagsrealität.

Literarische Utopien erzählen von Zukunftsträumen, die in einen persönlichen Kontext eingebettet sind. Das macht ihre Erzählungen – im Gegensatz zu abstrakten Darstellungen utopischer Visionen – verständlicher, stärker nachvollziehbar. Die Bedeutung literarischer Utopien hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts der irische Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor Oscar Wilde (1854 – 1900) erkannt, als er sagte:

Eine Weltkarte, die Utopia nicht einschließt, ist keines Blickes würdig, denn sie lässt das einzige Land aus, wo die Menschheit ewig landet. Und wenn die Menschheit da angekommen ist, hält sie Umschau und wenn sie ein besseres Land sieht, richtet sie ihre Segel dahin aus. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien. (The Soul of Man Under Socialism, 1891)

Das Profil literarischer Utopien hat sich im Lauf der Zeit verändert und damit auch ihre Szenarien und Erzählstrukturen. Die Fragen, die utopische AutorInnen in der Vergangenheit stellten, sind jedoch erstaunlich gleich geblieben.

Der Begriff  „Utopie“ wurde vor mehr als 500 Jahren von Thomas Morus, einen englischen Staatsmann und Humanisten, erfunden. Die Standards, die er setzte, gelten immer noch. Hierzu ein paar Bemerkungen.

Von literarischen Utopien ging immer schon der Impuls aus, sie zu verwirklichen. Am Beispiel Nauvoos, eines früh-neuzeitlichen Versuchs der Umsetzung einer literarischen Utopie, wird auf Faktoren hingewiesen, die Umsetzungen oft scheitern lassen.

Im 20. Jht. hat sich das Interesse an utopischem Denken von der Utopie auf die Dystopie verlagert. Ein Klassiker des dystopischen Genre ist George Orwells 1984. Bei Orwell (1984 wurde 1948 veröffentlicht) geht es um einen totalitären Staat und die Stategien, die seine Träger benutzten, um Machtbestrebungen durchzusetzen. Vieles ist uns aus heutiger Sicht nur allzu bekannt: Hier ein kurzer Blick auf den Roman.

Im 21. Jahrhundert ist die Weltgemeinschaft mit neuen Herausforderungen konfrontiert:  Am Beispiel zweier Dystopien wird gezeigt, wie literarische Autoren bisher reagiert haben.

Thomas Morus und die Begründung der literarischen Utopie

Der Begriff Utopie geht auf Thomas Morus zurück. Es ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus zwei altgriechischen Silben, die in der englischen Aussprache gleich klingen: οὐ („nicht“) und τόπος („Ort“): „kein Ort“. Es wäre jedoch auch eine andere Interpretation möglich: εὖ („gut“, “wohl“) und τόπος („Ort“): „guter Ort“. Beides zusammen: ein guter Ort im Nirgendwo. Ein paar Details zur Struktur Utopias sind hilfreich, um den Kontext zu verstehen, aus dem die erste literarische Utopie entstand.

Der Text ist in zwei Bücher aufgeteilt. Das erste Buch handelt von einer Korrespondenz zwischen Thomas More und gleichgesinnten Humanisten, die er auf dem Kontinent kennengelernt hatte. Sie diskutieren über gesellschaftliche Missstände, u.a. – mit Bezug auf England – die Praxis der enclosure, der Einzäunung des Gemeindelandes, und die daraus resultierende Armut der Menschen, denen der Zugang zum Land aufgrund der zunehmenden Tendenz zur Schafzucht verweigert wurde. Es geht aber auch um Themen wie die Todestrafe und um Herrschende, die sich in Kriege begeben, was der Bevölkerung teuer zu stehen kommt. Das zweite, längere Buch ist der Bericht eines Entdeckungsreisenden, der vorgibt, in „Utopia“ gelebt zu haben und voller Lob für den entfernten Inselstaat ist.

Mehr zu Thomas Morus:
Thomas Morus, Utopia (1516): Vision eines besseren Lebens im frühneuzeitlichen England

2016 war der 500ste Jahrestag von Morus‘ Utopia. BefürworterInnen und KritikerInnen überboten sich in den Medien mit ihren Kommentaren. Als Beispiel ein Kommentator in Die Zeit:

Von Utopien mag heute niemand mehr reden, sie haben ihre Unschuld verloren, und nichts ist antiutopischer als die chaotische Gegenwart. Was von den alten Traumenergien übrig blieb, scheint in die Technik abgewandert zu sein, in die Digitalmanufakturen des Silicon Valley und die Biotech-Labore in aller Welt. Mit Bienenfleiß arbeiten sie an der Überwindung des fehlerhaften Altmenschen. Sie nennen es Utopie.

… und weiter heißt es:

Schuld an dem Wort (i.e. Utopia) ist der Humanist Thomas Morus, mit seinem fiktiven Bericht über eine perfekte kommunistische (!!!) Demokratie hat er die Gattung der Utopie überhaupt erst begründet.

Zum Verhältnis von Utopien zu ihrer Verwirklichung schreibt der zitierte Medienkommentator:

Verehrer wie Verächter glauben bis heute, Morus’ Utopia sei eine Gebrauchsanweisung zur Weltverbesserung. Das ist falsch. Tatsächlich ist das Buch erst einmal bloß ein fantastisches Stück Literatur und besteht aus zwei Teilen: aus einer brachialen Abrechnung mit der englischen Gesellschaft des 16. Jahrhunderts und einem abenteuerlichen Reisebericht. (Thomas Assheuer, 2016.)

Die Fragen, die Morus stellt: Soll es Privateigentum geben? Ist soziale Gleichheit wünschenswert? Kann eine Gesellschaft genügend Güter erwirtschaften, wenn niemand nach Gewinn strebt? Gibt es gute und gerechte Regierende, die nicht aus Eigennutz Kriege provozieren und die Bevölkerung ausbeuten? Die Antworten, die Morus gibt, sind zwar zeitgezogen und begrenzt durch das, was an Progressivem zu seiner Zeit, dem frühneuzeitlichen Europa, denkbar war: Sie sind dennoch erstaunlich modern.

Zum fragilen Verhältnis zwischen literarischen Utopien und ihren Umsetzungen: Étienne Cabet, Voyage en Icarie (1839)

Bild: Blick auf Nauwoo, Illinois aus der Vogelperspektive. Gravur ca. 1855

Nauvoo ist eine Siedlung im Westen des US-amerikanischen Bundesstaates Illinois am Ostufer des Mississippi River. Der Ort hieß ursprünglich Commerce, die Mormonen gaben ihm jedoch den Namen Nauvoo, was phonetisch einem  hebräischen Wort für schöner Ort nahekommt. 1845 gaben die  Mormonen die Siedlung auf, um der Verfolgung ihrer Religionsgemeinschaft zu entgehen. Eine Gruppe um den französischen Frühsozialisten Étienne Cabet erwarb die Siedlung, um dort eine auf kommunitären Prinzipien basierende Idealsiedlung zu gründen. Das Projekt basierte auf dem Roman Cabets Voyage en Icarie (1839).

Ikaria hatte seinen Namen von Ikarus, dem Sohn des Daedalus aus der griechischen Mythologie, der entgegen aller Warnungen versuchte, seinen Traum vom Fliegen zu realisieren. In Cabets utopischem Roman geht es um einen jungen englischen Adligen, einen Lord Carisdall, der gehört hatte, dass es in einem abgelegenen Teil der Welt ein isoliertes Gemeinwesen gäbe, das viele Kriterien eines aufklärerischen idealen Staates erfüllte. Ein paar Merkmale: Geld und interner Handel existieren nicht. Jeder und jede tragen zu den gemeinschaftlich erwirtschafteten Ressourcen bei, jeder und jede kann aber auch bei Bedarf darauf zurückgreifen. Ikaria ist keine pastorale Idylle: Cabets Erzählung beschreibt das Gemeinwesen als einen modernen Staat, der auf einer neuzeitlichen Maschinenkultur basiert, kombiniert mit einer fortschrittlicher Sozialpolitik. Verbrechen ist ein Mythos, Kunst und Kultur sind geschätzte Güter.

Kernbegriff ist in Cabets Roman das Gemeinwohl (le boneur commun). Der Begriff stammt aus der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen). Auf der Titelseite seines Romans hatte Cabet in einer aufwändigen, symmetrischen Anordnung von Motti seine Gesellschaftsphilosophie ausgefächert. (siehe Titelseite). Für Cabet war der „ikarische Kommunismus“ die demokratische Fortsetzung der Ideale der französischen Revolution.

Das Projekt scheiterte nach wenigen Jahren. Dafür gab es vielerlei Gründe. So kam es beispielsweise zum Streit zwischen den Siedlern und Cabet. Cabet, der als geltungsbedürftig und herrschsüchtig beschrieben wird, dachte im größeren Stil; er hatte u.a. die Schaffung eines ikarischen US-Bundesstaates im Sinn, während die Siedler um den wirtschaftlichen Erhalt ihrer Kolonie besorgt waren. Zudem hatte sich Cabet zum Diktator gemacht, der auch nicht davor zurückscheute, in das private Leben der SiedlerInnen einzugreifen. Zudem häuften sich wirtschaftlichen Probleme. Obwohl die Siedlung über Ressourcen verfügte, blieb sie abhängig von der finanziellen Unterstützung durch Frankreich, die nach 1848 immer mehr versiegte, so dass sich die Schulden anhäuften.

Umsetzungen scheitern in der Regel, weil die Komplexität politischen Handelns nicht mitbedacht wird.

Von der Utopie zur Dystopie

Der Begriff Dystopie leitet sich aus griechisch dys- = schlecht und tópos = Ort ab. Die Herkunft des Begriffes wird John Stuart Mill zugeschrieben, der ihn 1868 anlässlich einer Rede im britischen Unterhaus (House of Commons) verwandte, um die britische Politik in Irland zu beschreiben. In seiner Rede kritisiert er die irische Landpolitik der britischen Regierung:

Es ist vielleicht zu schmeichelhaft, sie (i.e. die Befürworter der irischen Landpolitik) Utopier zu nennen; sie sollten besser Dys-topier oder Caco-topier genannt werden. Was man als utopisch bezeichnet, ist etwas zu gut, um praktikabel zu sein. Was sie aber bevorzugen, ist zu schlecht, um praktikabel zu sein.

Mill war von Thomas Morus inspiriert.

Ein Klassiker der Dystopie ist George Orwells 1984. Darin erzählt der britische Autor (1903 bis 1950) von einem totalitären Staat, der von einer Einheitspartei regiert wird. Orwell beschreibt – der Roman wurde 1948 veröffentlicht – Maßnahmen, die die Partei unternimmt, um die Bevölkerung von ihren Zielen zu überzeugen; dies u.a. durch eine gezielte Sprachpolitik, dem sog. Neusprech („Newspeak“), eine künstlich modifizierte Sprache, die nach und nach die Alltagssprache („Altsprech“) ersetzen soll. Sie spiegelt sich in den Parolen der Partei wider: „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“. Entsprechend ging die neue Gesellschaft mit der Vergangenheit um: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“ heißt es bei Orwell. Im Klartext: die Vergangenheit muss im Bewusstsein der Menschen so zurecht gebogen werden, dass sie der Gegenwart entspricht.


Mehr zu George Orwell:
George Orwell, 1984 (Gesamttext deutsch)

In Dystopien gibt es immer Dissidenten. In 1984 ist es Winston Smith: Er ist uneins mit sich und mit seiner Freundin Julia, in der er eine Gleichgesinnte vermutete. Durch seine Überzeugungen gerät er ins Visier der staatlichen Behörden und wird der Folter und Gehirnwäsche unterzogen; dies auch und besonders durch O’Brian, den er zunächst als Oppositionellen eingeschätzt und vertraut hatte, der sich jedoch als ranghohes Parteimitglied und Undercoverspion offenbart. Erst als Winston im gefürchteten „Room 101“ seiner letzten Folterung ausgesetzt wird, ist sein Widerstand endgültig gebrochen. Fixiert auf eine Streckbank und unter den Strapazen von Elektroschocks opfert Winston das Letzte, das ihm von seinem ursprünglichen Selbst noch geblieben ist: seine Liebe zu seiner Freundin Julia. Er fleht O’Brien an, die Folter nicht ihm, sondern Julia zuteil werden zu lassen. Winstons Geschichte endet mit einem Tagtraum: In einem öffentlichen Prozess bekennt er unter Tränen dankbar und reumütig seine Liebe zum „Großen Bruder“, der ihm geholfen habe, den Sieg im Kampf gegen sich selbst zu gewinnen. Dann trifft ihn eine Kugel tödlich.

Was 1984 zeitlos macht, ist der Ansatz am wirksamsten Hebel der Macht: der Angst der Beherrschten. „Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Bewusstsein und nirgendwo anders“, sagt Parteimitglied O’Brien:

Freiheit bedeutet die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles Übrige von selbst. Sicher. Ewig. Unumstößlich. Dachten wir. Hofften wir. Wollten wir. Daran klammerten wir uns fest. … Und doch mussten wir Situationen kennen lernen, da zwei und zwei ebenso leicht drei oder fünf hätte sein können (…)

Hier eine der letzten Szenen der filmischen Umsetzung von 1984 (Regie: Michael Radford). Darin versucht O’Bian in der Folterkammer, Winston davon zu überzeugen, dass 2+2 gelegentlich auch eine drei oder eine fünf sein kann.

Utopien und Dystopien im 21. Jahrhundert

Utopien wie Dystopien reagieren immer auf die konkreten herausforderungen der Zeit. Im 21. Jht. sind es Globalisierung, Digitalisierung, Klimaveränderungen, Flüchtlingsströme, das interne Auseinanderdriften von Gesellschaften. Im ersten Beispiel geht es um den gläsernen Menschen im Zeitalter der Digitalisierung,  im zweiten Beispiel  um eine intern auseinanderdriftende Gesellschaft.

Werte auf dem digitalen Prüfstand – Dave Eggers, The Circle (2013)

Im Zentrum steht ein fiktiver Giga-Konzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder, die von Dienstleistern wie Google, Twitter und Facebook bekannt sind, aufgekauft hat und sie seinen KundInnen zur kostenlosen Nutzung anbietet. Das Angebot verspricht, das Leben für die Internet-NutzerInnen einfacher, bequemer, sicherer und sozialer zu gestalten. Die Angebotspalette erweitert sich rasant. Um in den Genuss der vielfältigen Angebote zu kommen, müssen die NutzerInnen der Dienste Informationen über ihr Leben preisgeben. Dies reicht bis hin zu der Bereitschaft, Video-Kameras im privaten Umfeld installieren zu lassen, Armbänder mit Mini-Monitoren zu tragen oder sich Chips für vielerlei Zwecke implantieren zu lassen.

Mehr zu Dave Eggers:
Werte auf dem digitalen Prüfstand: Dave Eggers, The Circle (2013)

 

Eggers Interesse gilt dem Zusammenhang zwischen Transparenz und Überwachung. Der Konzern benutzt sprachliche Verschleierungsformeln, die eng an Orwells „Neusprech“ (1984) angelehnt sind: „Secrets are Lies“, „Sharing is Caring“, „Privacy is Theft“. In der Dystopie-Tradition des 20. Jht. hatten DissidentInnen bisweilen noch die Möglichkeit, sich außerhalb der herrschenden Ordnung zu stellen, wie beispielsweise die bibliophilen Dissidenten in Ray Bradburys Fahrenheit 451, die sich mit ihren Büchern, die sie auswendig lernten, in die Wälder zurückzogen. Das gelingt in der vollkommen kontrollierten Welt des Circle nicht mehr: Selbst an den entlegendsten Orten sind Minikameras angebracht.

Wünscht sich irgendjemand in Eggers Roman überhaupt noch Datenschutz? Es gibt DissidentInnen, aber entweder ist bei ihnen der Impuls sich zu widersetzen, zu schwach, oder es fehlt die notwendige Infrostruktur, um den Widerspruch durchzusetzen. Annie, die beste Freundin der Protagonistin aus Collegezeiten, Vertreterin der Firmenphilosphie und Maes Vorgesetzte, hält auf Dauer den Zwang zur Transparenz nicht aus. Als ein paar dunkle Kapitel aus ihrer Familiengeschichte publik werden, streikt ihr Körper. Sie verfällt ins Koma. Maes Ex-Freund, Mercer, von Anfang an Dissident, der einsieht, dass er mit seinen kleinen Verweigerungsgesten nichts bewirken kann und versucht, unerkannt dem Überwachungsterror zu entkommen, wird lokalisiert und stürzt sich in seinem Wagen von einer Brücke. Kalden, einer der „Weisen“ und Erfinder des Projektes, der schließlich erkennt, dass seine anfänglich gutgemeinte Idee einem Totalitarismus Tor und Tür öffnet, findet keine Vertrauten, die ihm helfen, sein eigenes Werk zu zerstören. Er wird kurzerhand abserviert.

Kaum veröffentlich wurden die Szenarien, die Eggers in The Circle beschreibt, von der Realität überholt. 2013 erfuhr die breite Öffentlichkeit von den von Edward Snowden angestoßenen Enthüllungen über die ausufernden Datensammlungen der staatlichen Nachrichtendienste. Die Social Media erhielten ungeahnten Zuspruch: Verzeichnete Facebook im Jahr 2010 noch 2.127 Mitarbeiter bei einem Umsatz von 1,97 Mrd. USD und einem Jahresüberschuss von 606 Mio. USD, wuchs das Unternehmen im Jahr 2016 auf 17.048 Mitarbeiter an bei einem Umsatz von 27,64 Mrd. USD und einem Jahresüberschuss von 10,2 Mrd. USD. (Wikipedia)

Deine Utopie ist meine Dystopie: Ahmed Khaled Towfiks Utopia (2008)

Bild: Graffiti aus London, Nähe Ecke von Blackall und Ravey Streets, aufgenommen am 24. Dezember 2008 von mermaid99.

Towfiks Utopia (arabisch 2008, englisch übersetzt von Chip Rossetti  2011, deutsche Übers. Christine Battermann 2015), ist ein dystopischer Roman, in dem es um eine geteilte Gesellschaft geht.

Ägypten im Jahre 2023. Die Reichen und Mächtigen leben in „Utopia“, einem Gebiet, das vom Rest des ägyptischen Territoriums abgetrennt ist. Es liegt an der Küste und ist bewacht von amerikanischen Marines. Jenseits der Enklave leben die Armen, die „Anderen“. Im anderen Kairo gilt es einfach nur zu überleben. Die Armen sind von Wasser, Energie und Medikamenten abgeschnitten.

Hinter den Wänden der Luxuskolonie plagt die Jugendlichen die Langeweile. Nur die „Jagd“ scheint ihnen den ersehnten Nervenkitzel zu geben. Sie wagen sich in die Elendquartiere jeneits ihrer Enklave, stellen einem oder einer der Anderen nach und kehren mit einem Körperteil als Trophäe zurück, das sie dann einbalsamieren lassen. Ein junger Mann und seine Freundin wollen diesen Kick erleben. Aber ihre Reise in die vernachlässigten Gebiete von Kairo erweist sich als gefährlicher als erwartet.

Die Erzählung ist entlang des Raubtier-Beute-Motivs strukturiert. Dies erlaubt Towfik, sich inhaltlich mit der Frage der Ungleichheit auseinanderzusetzen und gleichzeitig die Rolle eines neutralen Beobachters zu übernehmen. Das Buch hat zwei Erzähler: Die vom Utopier erzählten Abschnitte tragen den Titel „Raubtier“, die Gabers sind mit „Beute“ überschrieben.

Der Utopier beschreibt seinen Tagesablauf in einem lakonischen Stil, der die Monotonie seines Lebens widerspiegelt.

Ich wache auf, gehe pinkeln, rauche mir eine Zigarette, trinke Kaffee, rasiere mich, behandle die Wunde auf meiner Stirn, um sie schrecklich erscheinen zu lassen. Sex mit dem afrikanischen Dienstmädchen, frühstücken.

Danach übergibt er sich auf dem Schlafzimmer-Teppich seiner Mutter und hört sich drogeninduziert „Orgasmus-Musik“ an.

Die vorgegebene Wunde auf seiner Stirn – eine von einem israelischen Arzt entworfene Dekoration – soll Männlichkeit symbolisieren, den Übergang ins Erwachsenenalter. Es gelingt ihm, sich mit seiner Freundin und gelegentlichen Sexpartnerin, Germinal, in einen Bus einzuschleusen, der die „Anderen“, die tagsüber für die Reichen arbeiten, in ihre Elendsquartiere zurückkarrt. Sie lauern einer jungen Frau auf, werden jedoch von einer Gang der Anderen erkannt und deren Wut ausgesetzt. Die Raubtiere werden ihrerseits zur Beute.

Der andere Erzähler ist Garber, ein dreißigjähriger „Anderer“. Er rettet die beiden Utopier und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Da sollen sie solange bei ihm und seiner Schwester Safiya bleiben, bis sich eine Möglichkeit ergibt, sie sicher nach Utopia zurückzubringen. Garber weiß nicht so recht, weshalb er dies tut. Er lässt den Utopier und dessen Freundin jedoch erst wieder frei, nachdem er ihnen hautnah gezeigt hat, wie sich das Leben der „Anderen“ anfühlt.

Im Vorwort heißt es: „Die hier erwähnte Utopie ist ein imaginärer Ort … obwohl der Autor weiß, dass dieser Ort bald existieren wird.“ Die Welt von Utopia ist ein grotesk gestaltetes Bild Ägyptens im einundzwanzigsten Jahrhundert, erkennbar an der Kluft zwischen reich und arm, dem Zerbröckeln von Regierungsleistungen, der Privatisierung von Raum und Ressourcen, dem Ärger über die Verbindungen zwischen den Regierungen Ägyptens, Amerikas und Israels und der Sehnsucht nach Revolution. (Samatar). Utopia vermittelt das erschreckende Porträt einer geteilten Gesellschaft ohne Moral und Skrupel. Beide, der Utopier und der Andere, leiden unter dem gleichen lähmenden Gefühl der Sinnlosigkeit ihres Lebens. Der stärkste Aspekt des Buches ist die Darstellung der Frustration der jungen Leute, reich oder arm, denen die Optionen für ein besseres Leben ausgegangen sind.

Utopia sei blass und seine Charaktere ohne erlösende (redeeming) Qualitäten, heißt es in der Rezension von Sholto Byrnes, aber dennoch ganz und gar überzeugend … [der Roman] eines kleines Meisterwerk. Eine konstruktive Antwort darf man nicht erwarten: Weder der Utopier noch Garber haben eine Lösung für die desolate Situation parat. Dazu Towfik:

Ich sende keine Nachrichten, weil ich dann ebensogut einen Artikel hätte schreiben können. Man muss zwischen den Zeilen meiner Arbeit lesen.

Einen Hinweis gibt er schon:

Die Auflösung der Mittelklasse, die in jeder Gesellschaft die Rolle der Graphitstäbe in Kernreaktoren spielt … wenn es sie nicht gäbe, würde der Reaktor explodieren. Eine Gesellschaft ohne Mittelklasse ist eine Gesellschaft, in der die Explosion absehbar ist.

Wir brauchen Utopien

Das fortschreitende 21. Jht. erfordert in Sachen Utopie/Dystopie ein Überdenken und Neuorientieren.

Dystopien seien leichter zu schreiben als Utopien: das sagte u.a. Kim Stanley Robinson, selbst Autor von positiven Zukunftsentwürfen. Man müsse nur die Schlagzeilen der Nachrichten zu einer Collage zusammenfügen und schon habe man das Handlungsgerüst für eine Dystopie (Robinson, interviewed by „Terry Bisson.“). Aber mit einem Handlungsgerüst allein ist es nicht getan. Es bedarf  auch in Dystopien der Figuren, die ihre Standpunkte überzeugend vertreten, es bedarf einer erzählerischen Dynamik, die ihre Entwicklungsgeschichten glaubwürdig erscheinen lassen, es bedarf eines unverbrauchten Sprachstils, der LeserInnen zum Weiterlesen motiviert.

Mehr dazu :
Fortschritt als Verwirklichung von Utopien: Welche Utopien brauchen wir heute?

Positive Visionen einer utopischen Zukunft sind heute rar. Die Utopie scheint sich ins Private zurückgezogen zu haben. Ein bisschen bessere Welt hier, ein bisschen bessere Welt da: Ich trenne meinen Verpackungsabfall sorgfältigst, kaufe Bio-Produkte, spende hier und da ein paar Euros für Kinder in Not in Afrika, versuche, meinen Groll gegen illegal eingewanderte Flüchtlinge zu mäßigen und schon its gut.

Die literarische Utopie ist ein flexibles Genre. Sie bildet Wirklichkeit nicht eins zu eins ab. Sie kann unterschiedliche Zeitfenster aufmachen, kann durch Rückblenden von Vergangenem erzählen und durch Vorausblenden zeigen, wie eine Zukunft aussehen könnte. Sie kann zwischen unterschiedlichen Erzählperspektiven (point-of-views, POVs) hin und her wechseln, ohne sich dafür  rechtfertigen zu müssen. Es ist ein spannendes Genre für junge literarisch interessierte AutorInnen mit einem Anliegen.

Literatur

Andre, Thomas. „Diskussion um US-Bestseller „The Circle“. Die Tyrannei des Internets“. Spiegel Online

Assheuer, Thomas. „Irgendwo im Nirgendwo“. Die Zeit Nr. 52/2016 (29. Dezember 2016)

Der Spiegel. „Alternative Fakten: Orwells Klassiker ‚1984‘ wird wieder zum Bestseller.“ Spiegel online (25.01.2017)

Geffrath, Mathias. “’1984′ George Orwell hat unsere Welt aus Technik, Büro, billigem Vergnügen und viel Beton vorausgeahnt.“ Die Zeit Nr. 29/2012.

Heller, Ágnes: „Von der Utopie zur Dystopie: Warum Dystopien realistischer als Utopien sind.“ In: Johannes Nichelmann. Deutschlandfunk Kultur

Höppner, Joachim; Seidel-Höppner, Waltraud. Etienne Cabet und seine Ikarische Kolonie. Dokumentensammlung zu seinem Leben und zur Ikarischen Kolonie. Frankfurt am Main: Peter Lang/Frankfurt am Main, 2002.

Knipphals, Dirk. “Des Internetkritikers neue Kleider: Dave Eggers neuer Roman ‚Circle’“. taz.de (10.08.2014)

Lobo, Sascha. „Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen.“ Frankfurter Allgemeine: Feuilleton (11.01.2014).

Morozov, Evgeny. „Wir brauchen mehr intelligente Dörfer.“ Frankfurter Allgemeine: Feuilleton ( 07.07.2014).

„A Real Joy to be had. Kim Stanley Robinson, interviewed by Terry Bisson.“ in Kim Stanley Robinson, The Lucky Strike, PM Press 2009.

Samatar, Sofia. „Utopia by Ahmed Khaled Towfik“. Strange Horizons (28 November 2011)

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