Nigeria ist as bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents. Bisher war die Ökonomie Nigerias vom Erdöl geprägt. Der größte Teil der Staatseinnahmen stammte aus dem Export von Rohöl. Man könnte meinen, dass die Bevölkerung von dem Ressourcenreichtum ihres Landes profitierte. Doch das Gegenteil ist der Fall. 44% der Bevölkerung leben laut World Poverty Clock in extremer Armut. Das Ausmaß der durch die Erdölförderung verursachten Umweltzerstörung im Nigerdelta ist gigantisch. Der Kampf um den begehrten Rohstoff brachte Korruption und Gewalt mit sich.

Geschichte Nigerias
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Boko Haram
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Eko Atlantic City
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Es gibt Stimmen in Nigeria, die in der Globalisierung eine Möglichkeit sehen, Nigeria aus der Abhängigkeit vom Rohöl zu lösen und damit Perspektiven zu eröffnen, die versprechen, das Land aus der extremen Armut herauszuführen und eine Mittelschicht zu etablieren, die sich im Land wohl fühlt.

Erdöl: Das „schwarze Gold“

In den fünfziger Jahren wurde im Gebiet des Nigerdeltas Erdöl entdeckt, das sogenannte „schwarze Gold“. Es wurde vor allem von auswärtigen Konzernen – Shell, ExxonMobil, Chevron Texaco, ENI/Agip und Total – gefördert; dies mit erheblichen ökologischen und sozialen Folgeschäden: Umweltverschmutzung, Korruption, Armut. Manche der Armen versuchten, mit illegalen Ölraffinerien tief in den Mangrovensümpfen des Niger-Deltas versteckt, etwas vom großen Ölkuchen abzubekommen. 

Vor allem die Menschen im Nigerdelta litten enorm unter der gravierenden Umweltverschmutzung. Seit Beginn der Ölbohrungen kam es zu Zehntausenden von Ölunfällen. Seit Jahrzehnten sind die Mangrovenwälder, die Gewässer und die Landflächen verseucht. Das Trinkwasser ist in manchen Gebieten ölhaltig. 2013 führten die Missstände zur Nennung des Deltas unter den „Top 10 der am stärksten verseuchten Gebiete der Erde(Blacksmith Institute). Widerstand der ortsansässigen Bevölkerung gab es schon früh.

Ken Saro-Wiwa
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Saro-Wiwa war ein Mitglied der Ogoni, einer ethnischen Minderheit in Nigeria, deren Heimat Ogoniland im Niger-Delta seit den 1950er Jahren für die Erdölförderung anvisiert wurde und durch jahrzehntelange unbedachte Ablagerung von Mineralölabfällen extreme Umweltschäden erlitt. Zunächst als Sprecher und dann als Präsident der Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes (Movement for the Survival of the Ogoni People, MOSOP) führte Saro-Wiwa eine gewaltfreie Kampagne gegen die Umweltzerstörung von Land und Gewässern in Ogoniland durch die Operationen der multinationalen Mineralölindustrie. Er galt als offener Kritiker der nigerianischen Regierung, die seiner Ansicht nach nur ungern Umweltvorschriften für die in der Region tätigen ausländischen Mineralölgesellschaften durchsetzen wollte. 1995 wurde Ken Saro-Wiwa hingerichtet.

Eko Atlantic City
Eko Atlantic City ist eine Küstenstadt im Herzen von Lagos. Sie kostete Millarden Dollar. Aus dem sandigen Brachland sollte ein „Mini-Manhattan“ werden, wie die Firmenwebsite versprach. Vor etwa zehn Jahren begannen riesige Baggerschiffe vor Victoria Island, dem Geschäftsviertel von Lagos, Sand aufzuschütten. Eko Atlantic City sollte Lagos entlasten, indem es Wohnraum für circa 300.000 Menschen sowohl der Oberschicht als auch der Mittelklasse schaffte. Alles – von der Elektrizität bis hin zur Wasserversorgung – sollte sauber und umweltfreundlich sein. Rückgrat von Eko Atlantic ist die „Große Mauer von Lagos“. Die mächtige 8.5 Kilometer lange Ufersicherung  schützt die aufstrebende neue Stadt und Victoria Island vor Überschwemmungen durch die Brandung. Man ging davon aus, dass mehr als 150 000 weitere Menschen täglich hierher zur Arbeit pendeln würden.

Nigerianer der Mittelschicht fliehen aus Nigeria

Ezekiel war Pendler. „Nach den meisten Maßstäben lebt Ezekiel den nigerianischen Traum der Mittelmittelschicht,“ so Kazeem.

Mit 41 Jahren arbeitete Ezekiel als Senior Manager bei einem in Lagos ansässigen Medienunternehmen, wo er ein brauchbares Gehalt bekam. Daneben betrieb er ein erfolgreiches Nebengeschäft, importierte amerikanische Gebrauchtwagen und verkaufte sie wieder, hatte so genug Geld, um mit seiner Frau und seinen zwei Kindern jährlich Ferien in den USA zu machen. Auch besaß er ein Haus, das ultimative Statussymbol der oberen Mittelschicht in Nigeria.

Nigeria, seit fast 60 Jahren unabhängig, hat noch keine entwickelte Infrastruktur und keine grundlegenden Sozialeinrichtungen. Trotz des Ölreichtums in Nigeria ist die Stromversorgung alles andere als regelmäßig und macht das Leben schwierig und teuer. Mittelschicht-Nigerianer können bis zu dreimal so viel für laufende Benzin- oder Dieselgeneratoren ausgeben, wie sie für die Stromrechnung bezahlen. (Kazeem)

Ezekiel entschloß sich, mit seiner Familie auszuwandern.

Während sich die meisten Schlagzeilen über die Migration aus Nigeria in den letzten Jahren auf die Tausende konzentrierten, die die trügerische Route durch die Wüste Sahara und das Mittelmeer nutzen, um Europa zu erreichen, ist die bevorzugte Route für wohlhabendere, gebildete Nigerianer der formellere Weg der Wirtschaftsimmigration. In der jüngeren Vergangenheit war das Ziel eher Großbritannien und die Vereinigten Staaten, heute ist es vor allem in Kanada. (Kazeem).

Ein Neuanfang ist teuer. Die finanziellen Voraussetzungen für Wirtschaftsmigration oder auch Asyl sind für viele NigerianerInnen unerreichbar. Um durch die US-kanadische Grenze nach Quebec zu gelangen, muss zunächst eine Reise in die USA finanziert werden. Hinzu kommt die Grundgebühr für das kanadische Express Entry-Programm. Die Bewerber müssen außerdem nachweisen, dass sie nach dem Umzug für sich selbst sorgen können. Dies erfordert den Nachweis von beträchtlichen Geldbeträgen, abhängig von der Größe der Familie. Zudem ist ein Englischtest erforderlich (IELTS), auch der kostest.

Globalisierung: Eine Chance für Nigeria?

Der Rohölexport wird in Zukunft als Haupteinnahmequelle des Landes nicht mehr ausreichen. Es gibt nigerianische Stimmen, die auf Globalisierung setzen, eines der kontroversesten Themen unserer Zeit. Sie wirkt sich auf Industrie-, Entwicklungs- und Schwellenländer unterschiedlich aus. Kann sie Menschen in Nigeria aus der Armut befreien und in die Mittelschicht bringen?

Die Globalisierung habe „Fahrer und Passagiere“ (drivers and passengers). Bisher stünden NigerianerInnen eher auf der Seite der Passagiere. „Wir müssen den Status quo ändern,“ sagte Kingsley Mogahlu.  Kingsley Moghalu ist ein nigerianischer Politikwissenschaftler, Rechtsanwalt, ehemaliger UN-Beamter und Professor für internationale Wirtschaft und Politik an der Fletcher School of Law and Diplomacy der Tufts University in Medford/Somerville (Massachusetts). Nigeria müsse in Innovationen im Bereich Wissen und Technologie investieren. (Moghalu als Gastredner auf der Annual Public der University of Nigeria, Nsukka in 2018). Dies werde, so die Globalisierungsbefürworter, die Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften drastisch eindämmen, da NigerianerInnen nun weltweit angesehene Bildungsabschlüsse erwerben können, ohne sich im Ausland aufhalten zu müssen. Dann werde Nigeria zu den Gewinnern der Globalisierung gehören.

Im Februar 2018 bekundete Moghalu Interesse, für die Präsidentschaft von Nigeria zu kandidieren.

Fazit
In „westlichen“ Medien hat Nigeria viele Gesichter. Da ist auf der einen Seite das „schwarze Gold“, die Erdölförderung im Nigerdelta, mit seinen verheerenden Folgen: Umweltverschmutzung, Korruption, Armut. Auf der anderen Seite Eko-City, Nigerias Modell-Megastadt in Lagos. Und im Nordosten versucht die Islamistenmiliz Boko Haram  gewaltsam, einen Gottesstaat zu errichten.

Die Hoffnung von Globilisierungsbefürwortern, für Nigeria durch Leistungen im Bereich Wissen und Technologie eine „neue Mitte“ zu schaffen, hängt wesentlich davon ab, inwieweit es gelingt, eine Infrastruktur aufzubauen, die es auf breitrer Basis ermöglicht, diese Leistungen auch zu erbringen. Dazu gehört u.a. eine flächendeckende Stromversorgung sowie grundlegende Sozialeinrichtungen.

Literatur

Göbel, Alexander. „Der Fluch im Nigerdelta“ Deutschlandfunk (27.07.2017)

Kazeem, Yomi. „Nigeria’s stressed-out middle-class is trying to leave in droves and the destination is Canada“ Quartz Africa (May 11, 2018)

„Ölförderung in Nigeria: Eni und Shell wegen Korruptionsverdachts vor Gericht.“ Fluchtgrund (1. Feb. 2018)

Putsch, Christian. „Kampf am Nigerdelta: Wie das Erdöl zur Belastung wird“. Die Presse (10.01.2017)

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