Fahrenheit 11/9 ist ein politischer Dokumentarfilm des US-amerikanischen Filmemachers Michael Moore über die Präsidentschaftswahlen der USA in 2016 und die anschließende Präsidentschaft Donald Trumps. Der Film wurde am 6. September 2018 auf dem Toronto International Film Festival uraufgeführt. Zwei der wichtigsten Fragen der Trump-Ära sind zentral: Wie konnte es soweit gekommen und wie lässt sich in Zukunft eine solche Situation vermeiden?

Michael Moore, Fahrenheit 11/9 (2015)
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Bisweilen irritiert Moores Fahrenheit 11/9 durch seine Sprunghaftigkeit. Man fragt sich bisweilen, wie die gezeigten Szenen zum Thema passen. Hier ein paar Überlegungen, die helfen können, den Film besser zu verstehen, in seiner Leistung, aber auch in seinen Schwachpunkten.

1. Der Titel

Der Titel bezieht sich auf den 9. November 2016. An diesem Tag wurde Donald Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen verkündet. Der Titel stellt zugleich einen Rückgriff auf Moores 2004 erschienene Dokumentation Fahrenheit 9/11 dar. Fahrenheit 9/11 erschien kurz vor der Wahl der Präsidentschaftwahl in 2004 und warnte vor George W. Bush und dessen „Krieg gegen den Terror“. Beide Filmtitel nehmen Bezug auf Fahrenheit 451 des von François Truffaut verfilmten dystopischen Romans von Ray Bradbury. Darin ging es um das Bildungsverbot einer Diktatur. Trotz der vielen Bezüge ist Fahrenheit 11/9 jedoch ein komplett eigenständiger Film.

Michael Moore, Filme
Roger and Me (1989)
Bowling for Columbine (2002)
Fahrenheit 9/11 (2004)
Sicko (2007)
Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (2009)
Fahrenheit 11/9 (2018)

2. Michael Moore in Trumpland

Als Moore und Trump vor etwa zwanzig Jahren zusammen in einer Talkshow saßen, soll Trump die Hoffnung geäußert haben, Moore möge nie einen Film über ihn drehen. (Peter Zander)

In Fahrenheit 11/9 sind etwa 20 Minuten Trump vorbehalten. Moore fühlt sich – gelinde gesagt – unbehaglich beim neuen US-Präsidenten. Es geht um die Aufarbeitung eines Schocks: Wie konnte es dazu kommen, dass Trump, dem von Psychologen „bösartiger Narzissmus“ nachgesagt wurde, Präsident der USA wurde? Da wird Trump mit seinen frauenfeindlichen Äußerungen gezeigt und seinen Ausfällen gegenüber Minderheiten. Da werden aber auch die Medien gezeigt, die dem scheinbar aussichtslosen Präsidentschaftskandidaten großzügig Sendezeit widmeten, weil sie damit erst mal viel Lacher ernteten und Geld verdienten und so ihrem größten Feind den Weg ebneten.

Fahrenheit 11/9 ist jedoch kein Trump-Bashing und ebenso wenig eine Lobeshymne auf die demokratische Partei. Der Film ist ein Angriff auf das gesamte System. Trump ist Symptom, nicht die Krankheit.

3. Die Trinkwassekrise in Flint, Michigan

Moore widmet im Film viel Zeit seiner Heimatstadt Flint in Michigan, wo seit 2014 das Leitungswasser für die mehrheitlich schwarze Bevölkerung vergiftet worden war. Nach einer Umstellung der Trinkwasserversorgung in der Stadt waren viele Bewohner erkrankt. Das aus dem Flint River bezogene Wasser war durch Blei und gesundheitsgefährdende Keime verunreinigt. Moore wirft dem damaligen republikanischen Gouverneur Rick Snyder und den Behörden vor, die Schädigung der Bevölkerung aus Profitgier bewusst in Kauf genommen und monatelang vertuscht zu haben. Zuvor hatte Moore einen Brief an Gouverneur Rick Snyder geschrieben und eine Petition eingereicht, die den Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten aufforderte, Snyder wegen seines Handelns in der Flint-Wasserkrise strafrechtlich zu verfolgen und festzunehmen.

Zur Szene: Moore fährt mit einem Löschwagen vor dem Anwesen des Gouverneurs Rick Snyder vor und, als dieser ihm nicht öffnete, beginnt er, dessen Garten mit dem verseuchten Wasser aus dem Fluss zu besprengen. (hier das Bild). 2016, auf dem Höhepunkt der Krise, fliegt schließlich der damalige US-Präsident Obama nach Flint, als „letzter Hoffnungsträger“, der dann jedoch aus Moores Sicht enttäuschte. Präsident Obama schrieb die Schuld an der Wasserkrise in Flint der Einstellung zu, dass „weniger Regierung das höchste Gut“ sei, was zu einem Investitionsabbau in armen Gemeinden geführt habe.

4. Zur Hitler-Parallele

Für Moore – und nicht nur für ihn – ist Trump ein Sexist und Rassist, was ihn verleitet, Parallelen zum „Dritten Reich“ zu ziehen, was – politisch betrachtet – natürlich Unfug ist. Er unterlegt Szenen einer Hitler-Rede mit O-Tönen des Präsidenten. Hier schießt Moore eindeutig über sein Ziel hinaus.

5. Junge Radikale als Hoffnungsträger

Moore lässt junge Menschen zu Wort kommen, die Amerika retten sollen. Er trifft sich u.a. mit Schülern aus Parkland, Florida, die nach dem Massaker an ihrer Highschool gegen die Waffenlobby zu Felde ziehen. Er reist nach West-Virginia und porträtiert Lehrerinnen, die sich vom Staat nicht drangsalieren und unterbezahlen lassen wollen. Und er sucht junge, radikale PolitikerInnen auf, wie Alexandria Ocasio-Cortez aus New York oder Rashida Tlaib aus Michigan, um zu zeigen, dass noch nicht überall bei den Demokraten der Lobbyismus-Wurm drin ist. (Borcholte)

Fazit

Es wäre zu einfach, Moore aufgrund seiner Polemik und gelegentlichen Simplifizierung anzuprangern. Auch nicht wegen seines Aktionismus. Das ist alles Teil seines Konzepts und ein Stückweit in Fahrenheit 11/9 auch wirksam. Aber letztendlich ist auch er nicht in der Lage, das Zweiparteiensystem in den USA zu hinterfragen. Rüdiger Suchsland fasst die Stärken und Schwächen von Fahrenheit 11/9 zusammen:

Die Schwächen sind vor allem die Sprunghaftigkeit, die konfuse Argumentation, der Narzissmus, mit dem sich der Regisseur immer wieder und viel zu oft ins Bild rückt, die anti-intellektuelle Haltung, die oft kitschige und sentimentalisierende Emotionalisierung aller Themen, der Hang zur Schwarz-Weiß-Malerei und zu einfachen Lösungen und überhaupt die Propagadaelemente, die Bestandteil von Michael Moores Agitprop-Filmemachen sind. Gerade dieser Agitprop-Stil ist aber auch eine seiner Stärken. Denn wie soll man es mit einem Demagogen und Lügner wie Trump und den Zynikern des Establishments aufnehmen, wenn nicht auch umgekehrt mit harten Bandagen, Grobheit und Vereinfachungen?“

Moores Botschaft in Fahrenheit 11/9 ist klar und deutlich. Wenn Menschen ständig gesagt wird, dass ihre Stimme nicht zählt, dass sie keine Rolle spielt, und sie es am Ende glauben, ist dieser Vertrauensverlust des Todesurteil unserer Demokratie. Daher: Lasst es nicht soweit kommen, geht raus und wählt.

Quellen

Borcholte, Andreas.„Fahrenheit 11/9′ von Michael Moore. Wer Schuld hat an Trump? Gwen Stefani!“ Spiegel Online (17.01.2019)

Suchsland, Rüdiger. „Fahrenheit 11/9 – Film-Rezension“. artechock 

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