This entry is part 2 of 2 in the series Die Macht der Sprache

Bild: Demonstration in Wien:  Gleiche Rechte für alle (Refugee-Solidaritätsdemo, 16. 02. 2013)

Seit Herbst 2015, als sich Hunderttausende von Flüchtlingen an den Grenzen Europas aufhielten, ist Migration ein Thema, das die öffentliche Debatte dominiert.
Die Geschichte der Migration kennen wir: Immer mehr Menschen verlassen ihre Heimatländer, um an anderen Orten zu leben und zu arbeiten. Der Gründe der Wanderungen sind viele: Globalisierung, der neoliberale Wirtschaftskurs, der Klimawandel und seine Folgen, internationalisierte Kriege im Ursprungsland mit vielen Opfern und wenig Perspektiven. Dass plötzlich so viele Migranten vor den Grenzen Europas standen, stellte die Gastländer vor erhebliche Herausforderungen.


Die neue Situation rief bei der großen Teilen der gebietsansässigen Bevölkerung Ängste und Unsicherheiten hervor. Etablierte Medien bezeichneten die daraus resultierenden Zustände als “krisenhaft“. Die „Flüchtlingskrise“ führte in den Mitgliedsländern der Europäischen Union zu einer gesellschaftlichen Debatte über die Ausrichtung der europäischen Asylpolitik und der jeweiligen nationalen Einwanderungspolitik. Sie führte auch zum Erstarken nationalkonservativer politischer Kräfte.

Was kann Sprache leisten, Ängste und Unsicherheiten abzumildern? Wie kann sie dazu beitragen, die Zuwanderungsfrage ausgewogener zu betrachten?

Sprache kann bestehende Machtverhältnisse untermauern, sie kann sie jedoch auch unterlaufen. Wie wir über Migranten reden beeinflusst die Art und Weise, wie wir mit Migranten umgehen: in unserem privaten Umfeld, in unserer Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich für Migranten einsetzen und auch in Ausübung unserer rechtsstaatlichen Möglichkeiten. z.B. durch die Wahl einer parlamentarischen Partei, von der wir erhoffen, dass sie unserer Vorstellung eines zeitgemäßen Umgangs mit Migranten am ehestens entgegenkommt?   

Sprache und die Schürung von Ängsten: Der „Dschungel“ von Calais
Zum Hintergrund:
Als Dschungel von Calais wurde eine Zeltstadt mit provisorischen Unterkünften nahe der französischen Stadt Calais bezeichnet, die bei der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 Bedeutung erlangte. Tausende Migranten kampierten dort und warteten auf eine Möglichkeit zur Weiterreise durch den Eurotunnel nach Großbritannien. Im „Dschungel“ herrschten laut Medienberichten unhaltbare Zustände. Flüchtlinge versuchten, u.a. auf LKWs versteckt, nach GB zu gelangen. Der „Dschungel“ – so schien es – war von Schleppern beherrscht.

In einem Interview mit der britischen Nachrichtenstation ITV versuchte der damalige britische Premierminister David Cameron (Conservative Party), den ZuschauerInnen des Senders zu vermitteln, dass der französische Hafen von Calais sicher sei, trotz eines „Schwarms“ von Migranten, die versuchten, sich Zugang nach Großbritannien zu verschaffen. Für Lisa Doyle, damalige Sprecherin des Flüchtlingsrates, war die Verwendung des Wortes Schwarm „entmenschlichend“: Migranten seien schließlich keine Insekten.

Die Äußerung Camerons war gefährlich, da die Situation in Calais bereits angespannt war. Britische Boulevardzeitungen sollen in der Folge Cameron abverlangt haben, Soldaten zu schicken, so als wären die Migranten eine ausländische Macht, die sich vorbereitete, in GB einzufallen.

Migration, Unmut und die Sprache rechts-populistischer Bewegungen
Die seit 2015 vermehrt stattgefundende Einwanderung von Migranten nach Europa ist zu einem strittigen Thema geworden. Die spontane Entscheidung, die Grenzen ohne wenn und aber zu öffnen, sorgte für viel Unmut. Populistische Bewegungen und Parteien griffen diesen Unmut auf.

Populismus als Politikstil hat sein eigenes Drehbuch. Hier drei hervorstechende Merkmale:

Populismus positioniert „das Volk“ gegen „das Establishment“;
Er suggeriert, dass die herrschenden Eliten den Bezug zur Basis verloren haben und es versäumten, die Stimme des „Volkes“ wahrzunehmen;
Er nimmt für sich in Anspruch, die Stimme des „Volkes“ zu sein.

Vieles an rechts-populistischen Bewegungen und Parteien stößt bei demokratisch gesinnten und den Werten der Aufklärung verpflichteten BeobachterInnen auf Unverständnis und Ablehnung, vor allen die bisweilen rassistischen, nationalistischen und fremdenfeindlichen Ideen, die als Problemlösung herhalten müssen. Andererseits ist der Zuspruch, den der Rechtspopulismus, insbesondere mit Blick auf die Zuwanderung, europaweit erfährt, Argument genug, die Frage zu stellen, was die demokratischen Volksparteien falsch gemacht haben, so dass der Rechtspopulismus diese enorme Zustimmung für sich verbuchen konnte.

Nach vorne schauen
Seit 2017 ist Louise Arbour UN-Sonderbeauftragte für internationale Migration. Sie betrachtet Migranten aus einer globalen Perspektive. Die Sprache habe den globalen Diskurs über Migranten vergiftet, bedauerte sie. Das hätte Ängste geschürt anstatt auf potenzielle Vorteile hinzuweisen. Viele Branchen in Europa seien auf Einwanderer angewiesen, Migranten trügen zum Wohlstand der Länder bei, in denen sie arbeiteten, wie auch zur Entwicklung derer, die zurückgelassen hätten und die sie mit dem Geld, das sie nach Hause schickten, unterstützten. Aber die positiven Aspekte gingen oft durch Stereotypen, die die nationale Politik beeinflussten, verloren. Viele der reichen Länder konzentrierten sich mehr auf Sicherheit statt auf Entwicklung. Es sei schockierend zu sehen, wie der Gebrauch von Sprache auf sehr boshafte Weise die öffentliche Debatte vergiftet habe, sagte Arbour, die die Bemühungen der U.N. um ein globales Abkommen über sichere und geordnete Migration leitete.

Ähnlich argumentierte auch die damalige italienische Außenministerin Emma Bonino. Italien brauche jedes Jahr etwa 150.000 Migranten, um mit einer alternden Bevölkerung, einer sinkenden Geburtenrate und der Abneigung der Jugendlichen gegen die Arbeit in der Landwirtschaft, dem Bauwesen und der Sozialhilfe zurecht zu kommen: „Ohne Migranten werden diese Wirtschaftszweige einfach schließen … Das ist die Realität, aber die Wahrnehmung ist anders.“

Können RapperInnen helfen, die Migrationsdebatte neu zu gestalten?
Viele der RapperInnen, die sich des Themas annehmen, sind selbst Flüchtlinge oder ImmigrantInnen. Sie hinterfragen, sie identifizieren Probleme, schärfen das Bewusstsein für Migration, und sie haben eine Botschaft. Beispiel ist „Immigrants (We Get the Job Done)“ aus dem Musik-Video The Hamilton Mixtape (2016). Da zeigen vier Rapper auf, wie wichtig Einwanderer für die amerikanische Gesellschaft sind.

„Immigrants (We Get the Job Done)“, aus: The Hamilton Mixtape (2016)
Video
Text 

Das Video zeigt eine Gruppe von EinwandererInnen, die angespannt einem Radiobericht  über den US-Kongress zuhören, der gerade über Grenzsicherheit und eine  Einwanderungsreform berät. Der Moderator kommentiert:

Und es ist wirklich erstaunlich, dass in einem von Einwanderern gegründeten Land „Immigrant“ irgendwie zu einem schlechten Wort geworden ist. So wird die Debatte hitzig weiter geführt, und wir arbeiten weiter.

Während die RapperInnen ihre Texte vortragen, sieht man, wie diese EinwandererInnen Jobs erledigen, die die USA am Laufen halten: Früchte ernten, in Krankenhäusern arbeiten und sogar amerikanische Flaggen nähen.

Migration ist ein Zukunftsthema
Migranten werden  weiter kommen. Das ist unbestritten. Sie bringen Erfahrungen mit: mit dem Klimawandel, der Armut, den verheerenden Konsequenzen von Kriegen. Die Frage wird nicht sein, ob es mehr Immigranten sein sollen oder weniger, sondern wie in den Gastländern Politik so gestaltet werden kann, dass Migranten eine Chance bekommen, ihr Potenzial zu entfalten. Es wird eine politische, juristische und wirtschaftliche Gestaltungsaufgabe sein. Es geht um nichts weniger als Migration gerechter zu gestalten in einer zukünftig gerechteren Gesellschaft.

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