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  • Kriegslogik und Kriegsrhetorik: Für eine gewaltfreie Sprache

Über Krieg unverblümt zu reden ist ein heikles Thema. In Europa will niemand Krieg, zumindest nicht die breite Öffentlichkeit. Der Widerstand ist groß. Dennoch engagieren sich die Regierungen vieler europäischer Staaten mit Zustimmung ihrer parlamentarischen Mehrheiten in Kriegsgeschäften. Die Sprache agiert dabei oft als eine willkommene Komplizin.

Über das Töten: Vorabklärung
Wenn es ums Töten geht herrschen unterschiedliche Maßstäbe. Während eine unter persönlichen Umständen zustandegekommene gewalttätige Handlung mit Todesfolge gesetzwidrig ist und entsprechend geahndet wird – das Strafmaß ist Strafgesetzbüchern geregelt – ist institutionell verursachtes Töten immer schon in eine „Mission“ eingebettet, die Töten aufgrund eines höheren Ziels erlaubt. Wer sich als Soldat zum Kriegsteilnehmer macht (oder gemacht wird), stimmt dieser Rolle zu. Selbst wenn eine solche „Mission“ gegen international vereinbarte Rechtsabkommen verstößt: die Menschenrechtskonvention, die Ächtung von Chemiewaffen, die Völkerrechtskonvention. Diese unterschiedlichen Standards schlagen sich auch im Sprachgebrauch nieder. Während eine gewalttätige Handlung mit Todesfolge – so sie von einer Einzelperson im einem personellen Umfeld begangen wird – als Mord bezeichnet wird, wird im Rahmen eines militärischen Kontextes, in dem andere Gesetze gelten, in der Regel von einer „gerechtfertigten Anwendung von Gewalt“ mit gelegentlichen „Kollateralschäden“ gesprochen. Hier ein paar Hinweise, wie sich der manipulative Charakter der Kriegsrhetorik erkennen lässt.

Wenn Krieg kein Krieg ist: Zum Orwellschen „Doppeldenk“

Bild: Ibrahim Kodra, „The war for peace“ (1977) 

Orwellian“ steht für eine Sprachmanipulation, die auf George Orwells Roman 1984 zurückgeht. Dort (1948) ging es um einem fiktiven autokratischen Staat, der versuchte, eine neue Sprache zu entwickeln – das sog. „Neusprech“ (eng. „Newspeak“), das sprachlich den veränderten politischen Gegebenheiten angepasst werden sollte. Ein Merkmal war das sog. „Doppeldenk“ (engl. Doublethink“), ein propagiertes Denken, bei dem zwei widersprüchliche oder sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen so zusammengeführt wurden, dass sie vereinbar waren.

George Orwell, Nineteen Eighty-Four (1948)
„Doppeldenk“
„Neusprech“ 

Ein zeitnahes Beispiel.
Der Syrienkonflikts hat Menschenleben in Millionenhöhe gefordert und eine zweistellige Millionenzahl von Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Die Lage ist unübersichtlich. Auf der einen Seite handelt es sich um einen seit 2011 anhaltenden innerstaatlichen bewaffneten Konflikt unterschiedfakelicher Gruppen („Bürgerkrieg“), auf der anderen Seite um eine internationalisierte Auseinandersetzung, in die viele Staaten mit unterschiedlichen nationalen Interessen involviert sind.
2013 legte der damalige US-Außenminister John Kerry dem Senatsausschuss für auswärtige Angelegenheitenden Plan des damaligen Präsidenten Obama für einen Militärschlag gegen Syrien vor. Der Ex-Außenminister betonte, dass diese Resolution die USA nicht in einen ausgedehnten Krieg stürzen werde, und er versprach, es werde keine Bodentruppen geben. Warum also, fragte sich damals Nathan Goodman, hier das Orwellsche „Doppeldenk“. Offenbar hatte der damalige Außenminister erkannt, dass Krieg bei der amerikanischen Öffentlichkeit nicht sonderlich gut ankam. Das bestätigten auch Umfragen. „Wenn Leute gefragt werden, willst du mit Syrien in den Krieg ziehen, natürlich nicht! Jeder, hundert Prozent der Amerikaner werden nein sagen.“ Wenn die meisten AmerikanerInnen ein Engagement im Krieg in Syrien ablehnten, bestände offenbar die beste Lösung darin, nicht von einem Krieg zu sprechen. Es ging der US-Regierung darum, dass die breite Öffentlichkeit die Wahrheit über ihre Kriege nicht erfahre. Deshalb befand sich auch Chelsea Manning (vormals Bradley Manning) im Gefängnis, weil sie die Wahrheit über US-beteiligte Kriegsverbrechen publik gemacht hatte.

„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“: Einseitige Berichterstattung und gezielte Desinformation
Das dem US-Senator Hiram Johnson (1918) zugeschriebene Diktum beschreibt die Schwierigkeiten, denen sich Journalisten konfrontiert sehen, wenn es darum geht, über die in kriegerischen Konflikten beteiligten Parteien neutral zu informieren.
Beispiel aus dem Syrienkrieg ist die mediale Berichterstattung über die sog. „Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat“, jenes Militärbündnisses, das im September 2014 beim NATO-Gipfel im walisischen Newport von den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen wurde. Während in der westlich orientierten Mainstream-Berichterstattung immer wieder von den schmutzigen Machenschaften des Assad-Regimes und seiner Verbündeten die Rede ist, findet sich in ebendiesen Medien kaum ein Hinweis auf ebenso schmutzige Aktivitäten der „Internationalen Allianz“. Hiram Johnsons Fazit war damals, man müsse sich mit dieser Form des unlauteren Journalismus abfinden. Es gehöre zum Kriegshandwerk.

Falschmeldungen hat es immer schon gegeben. Ein paar Beispiele:

Die 9/11-Lüge
Nach dem Terroranschlag von 9/11 gingen Bilder von jubelnden Palästinensern um die Welt. Die Szene schien allerdings gekauft. TV-Journalisten hatten offenbar den Palästinensern Kuchen versprochen.

Die Waffen-Lüge
George W. Bush junior wollte die Mission seines Vaters zu Ende bringen und erklärte vor dem Irak-Krieg: „Wir haben die Massenvernichtungswaffen gefunden.“ Sein Außenminister Colin Powell trug die „Beweise“ des Präsidenten 2003 vor den Vereinten Nationen vor. Später sprach Powell vom „Schandfleck“ in seiner Karriere.

… und die vielen anderen Lügen
Promovierte schreiben Teile ihrer Doktorarbeit ab, geben sie als Eigenleistung aus, ohne die Quellen zu benennen, aus denen sie abgeschrieben haben; Journalisten führen Interviews, ohne den Gesprächspartner jemals getroffen zu haben; Fußballer lassen sich, um einen Strafstoß zu erwirken, im Strafraum fallen, ohne Kontakt mit dem Gegner gehabt zu haben …

Die „Fake News“ sind jedoch von einer anderen Kategorie. Es geht nicht um platte Lügen:  In der Regel enthalten sie immer schon immer schon ein Korn Wahrheit. Die Nachricht wird aber dann so verzerrt dargestellt, dass sie sich in eine Unwahrheit verkehrt. Hinzu kommt das Veröffentlichungsmedium. Fake-News sind deshalb so gefährlich, weil sie sich die Mechanismen der sozialen Netzwerke zunutze machen. Dadurch lassen sich Reizthemen mühelos instrumentalisieren: die Furcht vor nationaler Überfremdung, der Machtmissbrauch durch gesellschaftliche Eliten und auch die Frage von nationaler Sicherheit. Es gibt zwar Möglichkeiten, auf die Faktenverzerrungen hinzuweisen, z.B. über den Faktencheck, bei dem mit journalistischen Methoden überprüft wird, ob verdächtige Meldungen gefälscht sind: Aber einmal x-Mal von den „Sozialen Medien“ verbreitet bleibt der ursprüngliche Eindruck trotz nachträglicher Korrektur haften. Ein ultimatives Gegenmittel gegen Desinformation, das bereits im Vorfeld wirksam wäre, gibt es nicht und wird es auch in Zunkunft nicht geben. 

„Mit Feuer, Wut … und Macht“: Atomare Arroganz
Atomwaffen sind die zerstörerischsten und unmenschlichsten Waffen, die je geschaffen wurden. Sie sind radikaler als andere Waffen, sowohl im Ausmaß der Verwüstungen, die sie anrichten – eine einzige Atombombe, über einer Großstadt gezündet, kann Millionen Menschen töten – als auch in ihren genetisch schädigenden radioaktiven Auswirkungen. Da sind die vom nationalen Eigennutz angetriebenen Verbalattacken das denkbar schlechteste Mittel, ihren Einsatz zu stoppen, bzw. generell atomar abzurüsten.

Im August 2017 kam es zu einem gefährlichen Wortduell zwischen dem amtierenden US- Präsidenten und dem Regierungschef Nordkoreas. Der Hintergrund: Der nördliche Teil Koreas hatte sich nuklear aufgerüstet, hatte Nukleartests durchgeführt und Nuklearwaffen entwickelt, mit denen US-amerikanische Ziele erreichbar waren.

Vom 45. Präsidenten der USA ist bekannt, dass er sich mit seinen emotionalen Eruptionen gern über das diplomative Protokol seiner Amtsvorgänger hinwegwegsetzt:

Präsidenten versuchen in der Regel, eine Sprache zu benutzen, die moderater ist als das, was sie privat fühlen mögen, weil sie Sorge tragen,  ihre Sprache könnte eine Krise eskalieren. (Julie Hirschfeld Davis)

Erzürnt über die atomare Aufrüstung Nordkoreas, drohte Donald Trump, ggf. mit „Feuer, Wut … und Macht“ gegen Pjöngjang vorgehen zu wollen. Nordkoreas Kim Jong-Un konterte und nannte den US-Präsidenten einen „geistig umnachteten amerikanischen Schwachkopf.“

Der Hintergrund: Es ging um Guam, ein territoriales Außengebiet und militärischer Vorposten unweit von Nordkorea. Guam liegt nun nicht im Zentrum der weltöffentlichen Aufmerksamkeit, aber dort waren US-Bomber, Flugzeugträger und atomare U-Boote stationiert, die die strategischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten in der Region schützen sollten. Der nordkoreanische Regierungschef kündigte einen detaillierten Plan an, ballistische Mittelstreckenraketen mit dem Ziel der Gewässer vor der Küste des US-Pazifikterritoriums starten zu wollen. Aus einer erweiterten Optik erscheint die Situation als komplexer. Letztendlich geht es um die Frage, welcher Staat (z.B. die USA) berechtigt ist, über atomare Waffen zu verfügen und welcher (z.B. Nord-Korea) nicht.

Es gibt seit einem halben Jahrhundert international anerkannte Abkommen zur Ächtung von Atomwaffen. Die Debatte erhielt eine neuen Auftrieb durch Ican – eine internationale Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen, die aus vielen Einzelgruppen der Zivilgesellschaft besteht.

Bild: Ican Logo (Author: Pronunn)

Im Oktober 2017 vergab das norwegische Nobelkomitee den Friedensnobelpreis für 2017 an Ican. Die Organisation erhielt den Preis für ihre Arbeit, auf die katastrophalen humanitären Folgen jeglichen Einsatzes von Atomwaffen aufmerksam zu machen und ein vertragsbasiertes Verbot atomarer Waffen zu erreichen. Es verpflichtete zustimmende Nationen dazu, Atomwaffen zu delegitimieren und – sofern sie selbst Besitzer von solchen sind – selbst abzurüsten. Am 20. September 2017 wurde der Vertrag bei den Vereinten Nationen in New York zur Unterschrift freigegeben.

Ican steht für eine neue Anti-Atomwaffengeneration. Ihre Mitglieder waren zum Zeitpunkt der Preisverleihung mehrheitlich unter dreißig. Sie waren nicht durch überholte Ideologien („Kalter Krieg“, die Überzeugung, dass nur ein Gleichgewicht zerstörerischer Waffen Sicherheit schaffen könne, etc.) vorbelastet.

Abschließend: Was kann eine Sprache bewirken, die auf Frieden ausgelegt ist? Frieden ist mehr als nur ein negatives Indiz: die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist ein positives Konzept, geprägt von einer wertebestimmten Haltung. Dabei spielen Mitgefühl, Würde, Respekt, die Achtung der Menschenrechte, gegenseitiges Verständnis, Solidarität eine entscheidende Rolle.

Suheir Hammad, Poems of war, peace, women, power.
Auch in diesem Blog: Suheir Hamad, „Dancing to the heartbeat“ In: Poems of War and Peace

Eine gewaltfreie Rhetorik kann keine Konflikte lösen, sie kann aber Konfliktlösungen unterstützen. Sie kann einen Raum für einen Dialog „auf Augenhöhe“ schaffen.  „Frieden kann nicht mit Gewalt bewahrt werden; er kann nur durch Verstehen erreicht werden.“ (Albert Einstein)

Literatur

„Der Syrien-Krieg: Das größte Verbrechen aller Zeiten – die Lügen sind aufgedeckt!“

Ahmad, Idrees. „Medien und Krieg in Nahost: Die große Syrien-Schlamperei“ taz.de (25.11.2014) 

Gardt, Martin. “Scheint zu klappen: wie zwei Teenager Nachrichten erfinden und zehntausende Dollar verdienen.“ 29.08.2016

Goodman, Nathan. „John Kerry and the Orwellian Language of War.“ September 6, 2013.

 

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