Meinungsfreiheit, genauer Meinungsäußerungsfreiheit, ist ein hohes Gut: ein Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften und eine Voraussetzung für die Presse- und Informationsfreiheit. Der Schutz der Meinungsfreiheit ist ein Gradmesser für funktionierende demokratische Gesellschaften. Wird die Meinungsfreiheit zunehmend eingeschränkt, ist das ein Indiz für antidemokratische Tendenzen mit nicht voraussehbaren Konsequenzen.

Politische Korrektheit (PC) ist eine wichtige Tugend. Ursprünglich eine Sache des Alltagsverstandes war PC anfänglich dazu gedacht,in einer pluralistischen rechtsstaatlichen Gesellschaft ein Verhalten zu beschreiben, das ein konfliktfreies sprachliches Klima schaffen sollte; dies durch Vermeidung historisch geprägter und negativ konnotierter Begriffe. Dadurch sollte Konfliktpotential minimiert werden. Blickpunkt war hauptsächlich ein rassistischer und sexistischer Sprachgebrauch.


Merriam Webster, Amerikas vertrauenswürdiges Online-Wörterbuch für englische Wortdefinitionen, definierte “politisch korrekt“ so:
“in Übereinstimmung mit der Überzeugung, dass Sprache und Praktiken, die politische Empfindlichkeiten verletzen könnten (wie die des Geschlechts oder der Rasse), beseitigt werden sollten“.

Das Grundrecht auf Meinungsäußerungsfreiheit und die Tugend der politischen Korrektheit können sich sinnvoll ergänzen, sie können jedoch einander auch im Wege stehen. Meinungsäußerungsfreiheit ist in demokratischen Gesellschaften ein Grundrecht; politische Korrektheit hingegen ein variables Konzept, verfassungsmäßig nicht abgesichert und abhängig vom Zeitgeist einer Epoche.

Politische Korrektheit: Beispiel einer walisischen Universität

Bild: Cardiff Metropolitan University (Google Maps)

Unlängst gab eine walisische Universität eine Handreichung an Studierende heraus, die Vorschläge für eine geschlechtsneutrale Sprache auf dem Campus machte. „Sprache soll immer inklusiv sein“, hieß es im entsprechenden Dokument der Cardiff Metropolitan University. Es ging um Begriffe wie „right-hand man“, „waitress“, „forefathers“ usw. Sie seien durch Vorstellungen einer vergangenen Zeit belastet. Die Universität betonte, sie sähe sich verpflichtet, ein Umfeld zu schaffen, in dem jeder und jede geschätzt wird“. Sprache könne „ein strittiges Thema sein“; daher habe die Universität einen Verhaltenskodex entwckelt, um „Fairness und Gleichheit zu fördern“.

Die Checkliste der Universität enthielt folgende Alternativvorschläge:

best man for  the job       best person for the job
fireman                              firefighter
housewife                          shopper, consumer, homemaker
manpower                         human resources, labour force, staff, personnel, workers
tax man                              tax inspector
sportsmanship                  fairness, good humour, sense of fair play
gentleman’s agreement    unwritten agreement, agreement based on trust

Dr. Joanna Williams, Autorin von Akademische Freiheit im Zeitalter des Konformismus, sagte der BBC Wales im März 2017, diese Richtlinien seien „sehr autoritär“; Universitäten sollten der Fähigkeit von AkademikerInnen vertrauen, miteinander kommunizieren zu können, ohne sich permanent angegriffen zu fühlen“.

Politische Korrektheit im Journalismus: Empfehlungen des AP Stylebook (2017)

Das AP Stylebook ist ein von der Associated Press (AP) jährlich herausgegebenes Regelwerk, das sprachliche Empfehlungen für JournalistInnen enthält, die im Mediengeschäft erfolgreich sein wollen. Der Stil der Associated Press, hieß es im AP Stylebook 2018, sei „der Goldstandard für das Nachrichtenschreiben.“ Mit dem AP Stylebook in der Hand könne man mit Klarheit und Professionalität schreiben und edieren.

In der 2017er Ausgabe schlug das AP Stylebook JournalistInnen vor, bestimmte Begriffe zu vermeiden und schlug Alternativen vor: u.a. für „Pro-Life“ „anti-abortion“, für“refugee“ „people struggling to enter Europe“) und für „terrorist“ „militant“, „lone wolves“ oder „attackers“.

Rachel Alexander, konservative Kritikerin, die gerne auch in Fox News auftritt, wies in einem im The Hill veröffentlichten Beitrag auf die Voreingenommenheit des AP-Stylebook hin. Der Titel: „Wie das AP-Stylebook „pro-life“ und andere konservative Begriffe zensiert“:

In den meisten Fällen sind die AP AutorInnen (i.e. style writers) daran interessiert, stärker konservative Wörter zu zensieren und gleichzeitig eine Sprache zu etablieren, die den Liberalen entgegenkommt. … Das ist bedauerlich, denn (das AP Stylebook) ist der Leitfaden, auf den sich die meisten JournalistInnen verlassen.

Ironie und Satire: The Official Politically Correct Dictionary and Handbook (1993)

Bild: Titelblatt

Henry Beards und Christopher Cerfs The Official Politically Correct Dictionary and Handbook (1993) wurde angekündigt als Garant für ein „Überleben im multikulturellen Amerika der sensiblen 1990er Jahren.“ In der Werbung hieß es, die vorgeschlagenen Alternativdefinitionen wäre geeignet, eine Gedankenpolizei fernzuhalten: Sie seien „sorgfältig belegt“, lustig und an jene Leser und Leserinnen gerichtet, die Gefallen an Satire fänden. Hier ein paar Beispiele von der Titelseite des Buches:

kurzsichtig        optisch herausgefordert
Eier, etc.            gestohlene Tierprodukte
Blumen              botanische Begleiter
eine Weiße        eine Nicht-Farbige
Hund                  nicht-menschlicher Begleiter
ein Huhn           Opfer einer Spezies, die keine Stimme hat
Papier                verarbeitete Baumkadaver
helle Haut         Melanin-arme Haut

Auf den ersten Blick sind Ironie und Satire amüsant: ein früher Bestseller zur politischen Korrektheitsmanie, der „augenzwinkernd“, „unverschämt witzig“ und „urkomisch“ daherkomme. Auf den zweiten Blick fällt jedoch auf, dass Ironie und Satire eine bestimmte Stoßrichtung haben: eine Weltsicht, die die Negativ-Fokussierung auf körperlicher Defizite vermeidet, die der Pigmentierung der Haut nicht mehr die traditionelle Wertigkeit einräumt, die sich für den Tierschutz einsetzt und Kritik an der Rodung von Wäldern zum Zwecke der Papierherstellung übt.

Immer noch aktuell: George Orwell, 1984 (1948) und die Sprachpolitik in einem fiktiven totalitären Staat

Bild: Cover des Penguin Readers

In seinem Roman 1984 ging George Orwell bereits vor 70 Jahren der Frage nach, was eine totalitäre Gesellschaft dazu bewegt, bewusst Sprachpolitik zu betreiben. Orwell (1903 – 1950), mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, ist bekannt für seine anti-totalitäre Position.

1984 spielt in einem totalitären Staat in einem fernen fiktiven Ozeanien. Erzählt wird die Geschichte des Winston Smith, der – einst Kritiker des Regimes – durch psychischen Druck und letztendlich durch Foltermethoden erzwungen – sich letztendlich als Regimebekenner gibt. In der Orwellschen Dystopie spielt die Sprachprolitik eine entscheidende Rolle.

Über die in Ozeanien herrschende Sprachpolitik ist viel geschrieben worden. Grob geht es darum, das sog. „Altsprech“, die vorhandenen Sprache, durch eine „modernisierte“ Sprache, das sog.“Neusprech“, abzulösen, nicht sofort, sondern über einen gewissen Zeitraum gestaffelt. Dazu gehörte beispielsweise auch die Umwertung von Begriffen, die sich u.a. an den drei Slogans von „INGSOC“, der Regierungspartei, ablesen lässt: „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“, „Ignoranz ist Stärke“.

Ein weiteres Indiz der Sprachpolitik ist die Reduktion des Vokabulars. Der Umfang des Vokabulars sollte auf Kernbegriffe und deren positive und negative Varianten reduziert werden. Beispiel: schön. Alternativen: schön und nicht-schön. Wenn das bestehende Sprachsystem derart reduziert werde, werde es schwieriger werden, abweichende Gedanken zu denken und zu kommunizieren. Entweder man war für etwas oder nicht. Damit erhofften sich die Sprachmanipulatoren, der Gedankenkriminalität („Thought crime“) einen Riegel vorzuschieben, denn Gedankenkriminalität galt in Orwells fiktivem Staat als das schlimmste aller Verbrechen.

Warum Meinungsfreiheit ein höheres Gut ist als politische Korrektheit
Der Linguist und streitbare Wissenschaftler
Noam Chomsky wurde einmal dafür kritisiert, dass er einen französischen Holocaustleugner verteidigte. Konkret ging es um den Fall Robert Faurisson, der in einem Buch von 1978 abstruse Meinungen mit Blick auf den Holocaust vertreten hatte. Chomsky antwortete darauf, dass er nicht dessen Meinung habe verteidigen wollen, die er ablehne, sondern dessen Recht auf freie Meinungsäußerung. Niemand dürfe in diesem Recht eingeschränkt werden, selbst wenn man die Meinung eines anderen nicht teile oder sogar abstoßend fände. Freie Meinungsäußerung sei der Lackmustest für wirkliche Freiheit. Denn wenn nur jene Meinungsäußerung geduldet werde, die man selbst teile, sei dies bereits Zensur und keine Meinungsfreiheit mehr.

Die Botschaft: Wenn der Begriff der politischen Korrektheit dazu verwendet wird, per Dekret nicht über Themen nachzudenken und mögliche Debatten zu unterdrücken, wäre das ein Schaden für die Demokratie.

Literatur
Alexander, Rachel. „How the AP Stylebook censors ‚pro-life‘ and other conservative words“. The Hill (09 July, 2017)

Brilling, Julia. “Political Correctness“. Heinrich-Böll-Stiftung (23. Dezember 2013)

Weigel, Moira. „ Political correctness: how the right invented a phantom enemy“. The Guardian (Nov. 30 2016)

„Im Würgegriff der politischen Korrektheit: Droht das Ende der Meinungsfreiheit?“ Freie Welt.

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