Sexismus-Debatten flammen immer wieder auf und versinken dann auch wieder, jedoch nicht ohne Spuren zu hinterlassen. In der gegenwärtigen Welle der Sexismusdebatte, angestoßen in den USA vom Harvey Weinstein-Skandal und dann von der „#MeToo“-Bewegung weiterverfolgt, geht es um systemischen Machtmissbrauch und seine stillschweigende Duldung, verbunden mit einem oft fehlenden Unrechtsbewusstsein vonseiten der Beschuldigten. Was hat die neue Welle der Sexismus-Debatte gebracht? Hat sie zur Selbstermächtung von Frauen geführt oder zementierte sie gar die traditionelle Rolle der Frau? Diesen Fragen geht der folgende Beitrag nach.

Der Auslöser: Zum Weinstein-Skandal

Bild: Weinstein in 2011. © Shankbone
Im Oktober 2017 berichteten The New York Times und The New Yorker, dass Dutzende von Frauen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung, der sexuellen Nötigung oder gar der Vergewaltigung beschuldigten. Die Vorwürfe wurden unter anderem von den Schauspielerinnen Gwyneth Paltrow, Salma Hayek, Angelina Jolie und Cara Delevingne unterstützt. Die Vorfälle reichten bis in die 1980er Jahre zurück und waren angeblich in der US-Filmbranche lange ein offenes Geheimnis. Rose McGowan gehörte zu den ersten Schauspielerinnen, die gegen den US-Filmmogul aussagten. Sie brachte mit ihren Vergewaltigungsvorwürfen den Stein ins Rollen.

Harvey Weinstein hatte es ökonomisch und politisch in der Branche weit gebracht: In 1999 hatte er für seinen Shakespeare in LoveFilm einen Oscar gewonnen; er hatte sich in den Wahlkampagnen der beiden Clintons und Barak Obamas engagiert und Gelder für die demokratische Partei eingesammelt. 2015 erhielt er die humanitäre Medaille des Wiesenthal-Centers, das sich als die „internationale Gruppe der jüdischen Menschenrechte“ bezeichnete.

Der „Filmmogul“, der unter anderem Pulp Fiction und Good Will Hunting produzierte und mit mehreren Oscars ausgezeichnet wurde, soll seine Position ausgenutzt und über Jahrzehnte hinweg Frauen belästigt und sie anschließend mit Geldzahlungen dazu veranlasst haben, von einer eventuellen Klage abzusehen.

Zum „System Hollywood“ gehörte u.a. eine per Vertrag geregelte Verschwiegenheitverpflichtung. Wer sich nicht danach hielt, wurde durch die Androhung „rechtlicher Schritte“ eingeschüchtert. Das galt besonders auch und besonders für mutmaßlich sexuell belästigte Frauen. Sie hätten damit rechnen müssen, dass – wenn sie aussagten und damit vertragsbrüchig würden – sie durch eine ganze juristische Maschinerie vernichtet worden wären. Das war ein ernormer Druck.

Quentin Tarantino, der Hollywood-Regisseur, der am engsten mit Harvey Weinstein verbunden war, sagte später, er habe jahrzehntelang von dem vermeintlichen Fehlverhalten seines Produzenten gegenüber Frauen gewusst und verkündigte, sich später geschämt zu haben, dass er damals nicht stärker Stellung bezogen hätte, sagte er in einem Interview veröffentlicht in der New York Times.

Ich wusste genug, um mehr zu tun als ich tat. … Es war mehr dahinter als nur die normalen Gerüchte, der normale Klatsch. Es war nicht aus zweiter Hand. Ich wusste, dass er ein paar dieser Dinge gemacht hat. … Ich wünschte, ich hätte die Verantwortung für das übernommen, was ich gehört habe. Wenn ich’s getan hätte, hätte ich nicht weiter mit ihm arbeiten dürfen. New York Times.

Männliche Komplizenschaft: ein kollektives Wegschauen, um die eigenen Privilegien nicht zu verlieren?

Kurz nach der Veröffentlichung der Vorwürfe durch die zeitgleich in der New York Times und dem New Yorker erschienenen Artikel wurde Weinstein von seinem Unternehmen, der Weinstein Company, entlassen und aus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sowie anderen Berufsvereinigungen ausgeschlossen.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences begründete die Trennung von Weinstein in einem Statement so:

Wir tun dies nicht einfach um uns von jemandem, der den Respekt seiner Kollegen nicht verdient, zu trennen, sondern auch, um die Botschaft zu senden, dass die Zeit der vorsätzlichen Ignoranz und der beschämenden Komplizenschaft bei sexuell übergriffigem Verhalten und Belästigung am Arbeitsplatz in unserer Branche vorbei ist. Dieses zutiefst beunruhigende Problem hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Der Vorstand arbeitet weiter daran, ethische Verhaltensstandards zu schaffen, die für alle Akademie-Mitglieder beispielhaft sein sollen. (Reuters

Die republikanische Partei hatte eine Auflistung von „Harvey’s schmutzigen demokratischen Spenden“ in Umlauf gebracht und damit ihre politischen Gegner öffentlich an den Pranger gestellt.

Fast ein Dutzend demokratische Politiker kündigten an, die Wahlkampfspenden, die sie von Weinstein erhalten hatten, an Organisationen weiterzureichen, die sich für Frauenrechte einsetzen.

Die #Me-Too-Bewegung

Hollywood war mit seinen Herrschaftsstrukturen ein Spezialfall. Nach dem Vorbild der Schaupielerinnen, die sich geoutet hatten, sollten auch Opfer sexuell übergriffiger Männer jenseits des Filmgeschäfts eine Chance erhalten, ihre Stimme zu erheben. Gestartet wurde die Aktion von der Schauspielerin Alyssa Milano. In einer Social-Media-Kampagne forderte sie Frauen, die sexuellen Missbrauch oder sexuelle Belästigung erlebt hatten, auf, in ihren Facebook- oder Twitter-Status den Hashtag „Me Too“ („Ich auch“) einzugeben. Ihre Begründung:

Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, #Me Too als Status schreiben, können wir den Leuten einen Eindruck vom Ausmaß des Themas vermitteln.

So weit Alyssa Milano.

Nach Aussagen von Twitter soll der Hashtag #MeToo sehr schnell eine halbe Million Mal getwittert worden sein.

Es entwickelten sich Formate, die es den betroffenen Frauen leichter machen sollten, sich zu outen. Beispiel: „The Wiki for Predators“ im #MeTooCenter. Hier wurden weibliche Opfer männlicher Belästigungen dazu ermutigt, über ihre eigenen #MeToo-Geschichten zu berichten, egal wie „groß oder klein“. Anschließend hatten sie die Möglichkeit, die Reaktion ihrer „Sexualbelästiger“ auf einer Werteskala von 1 bis 10 zu bewerten: von tatkräftiger Reue über ein Bedauern bis zu einer lahmen Entschuldigung verbunden mit der Entrüstung darüber, dass Medien so stark darauf fokussierten.

Moderne Hexenjagd: Medien spielen Staatsanwalt und Gericht in einem

Bild: Matt Damon (2015) © NASA/Bill Ingalls
Es ist nachvollziehbar, dass sich – so es sich um authentische Berichte handelte – Betroffene sexueller Gewalt durch die Veröffentlichung ihrer „Opfergeschichten“ sich ein Stückweit Heilung erhofften. Dann setzte jedoch eine mediale Hexenjagd ein, die nicht nur angebliche „sexuelle Belästiger“ als Zielpunkt hatte, sondern auch Kritiker und Kritikerinnen betraf, die ihre Skepsis mit Blick auf den #MeToo-Hype zu äußerten. Beispiel ist Matt Damon. Weinstein hatte Damons Good Will Hunting von 1996 finanziert und damit einen wesentlichen Beitrag zu dessen Karriere geleistet. Damon, heute u.a. bekannt durch sein Rolle in The Bourne Identity war frei von Skandalen, galt als Saubermann des Geschäfts. Doch nach seinen kritischen Äußerungen forderten Tausende von Frauen, dass er aus seinem nächsten Film herausgeschnitten werde. Er hatte gegenüber dem Sender ABC News zu Bedenken zu geben, dass es ein ganzes „Spektrum von Verhaltensweisen“ gebe:

Es ist etwas anderes, jemandem den Po zu tätscheln, als jemanden zu vergewaltigen. Man darf die Dinge nicht miteinander vermischen. (Source)

Weiterhin hatte er kritisiert, dass in der öffentlichen Diskussion der Fokus ausschließlich auf sexuell übergriffige Männer läge und nicht berücksichtigte, dass es in der Filmbranche auch integre Männer gäbe. Damon im Business Insider

Es wird nicht genug darüber gesprochen, dass verdammt viele Typen – die Mehrzahl der Typen, mit denen ich gearbeitet habe – diese Dinge nicht tun.

Das waren kontroverse Bemerkungen, die die #MeToo-Bewegung offenbar nicht hören wollte. Es wurde ein Petition gestartet mit dem Ziel, Damons Rolle aus seinen nächsten Filmarbeiten herauszuschneiden. Sie wurde von 28.000+ Stimmen unterschrieben. Auch Fans und Kollegen von Damon distanzierten sich. Später entschuldigte sich der Downsizing-Schauspieler für seine umstrittenen Äußerungen:

Viele dieser Frauen sind meine Freunde, ich liebe und respektiere sie, und ich unterstütze, was sie tun. Ich wünschte wirklich, ich hätte besser zugehört, bevor ich mich eingeschaltet habe.

Er wolle Teil dieses Wandels sein, sagte Damon: Aber er wolle es zunächst vom Rücksitz aus tun und für eine Weile seinen Mund halten. (The Telegraph

Zum post-Weinstein-Puritanismus
Der Puritanismus tritt immer im Namen eines sogenannten allgemeinen Gutes auf. Im Weinstein-Fall und seinen Folgen ging es vordergründig um den Schutz von Frauen und ihrer Emanzipation. Bisher waren sie „die armen kleinen Dinger“, die sich nicht wehren konnten, da sie offenbar unter den Einfluss von Phallokraten standen. Jetzt aber würden sie sich befreien können. 

Grenzüberschreitungen, die zum Teil schon ein halbes Jahrhundert zurücklagen und mittlerweile – was einen vermutlichen Strafbestand betraf – verjährt waren, sollten noch einmal wieder ausgegraben werden. Die #MeToo-Bewegung machte keinen Unterschied zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen sexueller Belästigung. Männer wurden als „Raubtiere“ (predators) bezeichnet. Allein der Hinweis zog Sanktionen nach sich. Forderungen von kritischer Seite, Anschuldigungen zu beweisen, liefen ins Leere. Sie wurden als „Rechtfertigung von Vergewaltigung“ oder gar als Schuldeingeständnis gewertet.

„Wir verteidigen die Freiheit zu nerven, was für sexuelle Freiheit unentbehrlich ist“: Ein offener Brief von französischen Feministinnen

Anfang 2018 erschien in der Zeitung Le Monde (9. Jan. 2018) ein offener Brief, der von einem Kollektiv von etwa 100 französischen Frauen unterschrieben war. Es ging um die „Freiheit zu belästigen“. Darin wurde die #MeToo-Bewegung kritisiert und vor einem neuen „Puritanismus“ gewarnt. In dem von Schriftstellerinnen, Akademikerinnen und Geschäftsfrauen unterzeichneten offenen Brief hießt es:

Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Verbrechen, noch ist Galanterie eine chauvinistische Aggression. Als Ergebnis der Weinstein-Affäre wurde eine legitime Erfahrung sexueller Gewalt erfahren, insbesondere am Arbeitsplatz, wo einige Männer ihre Macht missbrauchen. Es war notwendig. Aber jetzt ist diese Befreiung der Sprache auf den Kopf gestellt worden.

und weiter: die Freiheit (von Männern), „zu belästigen“, sei „unentbehrlich für sexuelle Freiheit“.

Die Reaktion militanter Gegen-Feministinnen ließ nicht auf sich warten. Wortführerin war Caroline De Haas. Für sie verharmlosten die Unterzeichnerinnen die Gewalt gegen Frauen, indem sie sie ins Regal der „primitiven Anmache“ („drague lourde“) stellten und deshalb nicht ernst nahmen.

Sobald die Gleichheit, selbst nur einen halben Millimeter, voranschreitet, weisen uns gute Seelen sofort darauf hin, dass wir Gefahr laufen, in Exzess zu verfallen. … In Frankreich sind jeden Tag Hunderttausende Frauen Opfer von Belästigungen, Zehntausende Opfer sexueller Übergriffe, Hunderte von Vergewaltigungen, jeden Tag, Die Karikatur, sie ist da.

Die Gegenposition wurde von etwa dreißig feministischen Aktivistinnen mitunterzeichnet.

Mit Souveränität und Augenmaß
Germaine Greer , australische Autorin und Publizistin, die als eine der wichtigsten Feministinnen des 20. Jahrhunderts gilt, forderte, dass Frauen, die im Austausch für Filmrollen ihre Beine spreizten, aufhören sollten zu jammern.

Catherine Deneuve, vielfach preisgekrönte französische Filmschauspielerin, die den offenen Brief mitunterschrieben hatte, wurde in der Folge heftig attackiert. Darauf entschuldigte sie sich zunächst bei den Vergewaltigungsopfern, blieb dennoch aber grundsätztlich bei ihrer Position, die sie noch einmal nachdrücklich bekräftigte.

Was wird von der neuen Welle der Sexismus-Debatte bleiben?
Es war einmal mehr wichtig geworden,
sexuelle Gewalt gegen Frauen, direkt oder versteckt, besonders in Berufsfeldern, wieder zum Thema zu machen. Die moralische Empörung der vielen Frauen hat gezeigt, wie virulent das Thema ist, auch unabhängig von einem prominenten Beispiel. (In Deutschland ging es um den Fall Dieter Wedel) Aber mit moralischer Empörung allein wird das Problem sich nicht lösen lassen.

In der Zwischenzeit ist vieles mit Medien-Öffentlichkeit diskutiert worden, manches auch kontrovers. Es ist eine neue Sensibilität entstanden, in die auch Männer einbezogen sind. Als Summe herauszulesen ist, dass es sich als wenig sinnvoll erweist, das „Kinde mit dem Bade auszuschütten“: Die #MeToo war wichtig, ohne Zweifel, aber gleichzeitig wird es auch darum gehen müssen, erhaltenswerte Zustände nicht „über Bord zu werfen“.

Es wird noch ein Weile dauern, bis es in westlichen Ländern in beruflichen Feldern Gesprächssituationen gibt, in denen sich Frauen und Männer mit Respekt und auf Augenhöhe herrschaftsfrei begegnen können. Darüber sollte man/frau jedoch nicht vergessen, dass die Lage von Frauen in weniger geschützten Gesellschaften ungleich dramatischer ist. Sie brauchen unsere Unterstützung.

Literatur

„Nous defendons une liberty d’importuner indespensable a la liberty sexuelle.“ Le Monde (08.01.2018)

Heavy. „What Does the ‘I Have’ Hashtag Mean?“

Striegel, Sonja, Moderatorin. Mit Sabine Hark, Maria-Sybille Lotter und Rolf Pohl. „Machtmissbrauch und seine Duldung – Was offenbart die Sexismus-Debatte?“

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