Zwischen Entwicklungstraum und sozialer Wirklichkeit: Zum Neuen Indien

INHALT

1. Land der Extreme 2. Shining India: Ein gigantisches Mod[ernisierungsprojekt 3. Living with Poverty: Armut und Armutsbekämpfung 4. Modernization Meets Tradition: Kastenwesen und Kastendenken 5. Geschlechtergerechtigkeit: Wenn Kultur tötet 6. Bürokratie: Bestechlichkeit und Klientelismus 7. Zivilgesellschaft, Protestkultur und Widerstand 8. “A rich fiancé with many bridegrooms”: Indien als Akteur auf globaler Bühne 9. Living in a Globalized World: Indien und wir

1. Land der Extreme

1024px-DLF_IT_Park_-_Rajarhat_2012-04-11_9380 Bildkommentar: DLF IT Park in Rajarhat/New Town, einer Satellitenstadt an den nordöstlichen Rändern von Mumbai. Zwischenzitlich ist die Vision weitergegangen, von den Satellitenstädten zu den sog. Smart Cities. Da sind ungefähr 100 geplant, Städte , in denen alles funktioniert, was bisher nicht so gut funktionierte: die Abfallentsorgung, Zugang zu unkominiertem Wasser, eine High-Teck Gesundheitsvororge, Schulen usw.
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Missverständnisse über Indien und InderInnen sind reichlich vorhanden, genährt von Stereotypen, die von Außenstehenden genährt werden, aber durch Mythen, die Inder und Inderinnen selbst über sich verbreiten.

Indien ist ein faszinierendes Land, flächenmäßig ist es etwa so groß wie die EU. Zwischen Srinagar im Norden und Thiruvananthapuram (früher Trivandrum) an der Südspitze des Subkontinents liegen über 3.000 Kilometer. Zwischen Mumbai (bis 1995 Bombay) im Westen und Kolkota (ehemals Kalkutta) im Osten erstrecken sich über 2.900 Kilometer Land.

 

Sterneck_KolkataWasteDumpVision2011Bildkommentar: Wolfgang Sterneck Kolkata Waste Dump Vision (2011) – Urbane Meditation auf einer Müllkippe in Kolkata. “Immer wieder begegnen uns Kinder, die Müll sammeln und später gemeinsam auf einem Stück Pappe auf dem Bürgersteig übernachten. Auf der anderen Straßenseite findet hinter einer abgrenzenden Mauer eine mehrtägige Hochzeit in ausschweifend luxuriösem Ambiente statt.” Kolkata ist eine Stadt der Extreme, geprägt von vielschichtigen Gegensätzen und Widersprüchen.
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Indien hat die höchsten Berge der Welt und auch die tiefsten und breitesten Flüsse. Es hat ausgedehnte Wüsten und fruchtbare Ebenen. Der Naturraum ist jedoch klimabedroht. Wenn die globale Erwärmung weiter fortschreitet, könnte es in Indien zu mehr Dürren und Überschwemmungen kommen, was die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelsicherheit gefährdet. Durch einen steigenden Meeresspiegel wären küstennahe Großstädte wie Mumbai und Kolkota bedroht.

Etwas größer als die EU hat Indien die dreifache Bevölkerungszahl nach der Volkszählung von 2011 1,2 Milliarden EinwohnerInnen. Jede/r sechste Weltbewohner/in ist heute Inder oder Inderin. Es gibt es mehr als 400 eigenständige Sprachen; dazu kommen die zahlreichen, oft nicht verschriftlichten Dialekte. In indischen Schulen wird landesweit in unterschiedlichen Sprachen unterrichtet, Tageszeitungen gibt es in mehr als 80 unterschiedlichen Sprachen. Trotz (oder vielleicht auch aufgrund) dieser Sprachenvielfalt gibt es in Indien keine einheitliche Nationalsprache. Auf der Zentralstaatsebene sind 18 offiziell anerkannte Sprachen gelistet. Die Zahl und Zusammensetzung der Amtssprachen differenziert sich, wenn man sie auf Bundes- oder Unionsstaatsebene betrachtet.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist Indien ebenso ein Land der Extreme: Auf der einen Seite erscheint es als Wirtschaftswunderland mit einer immer noch (2015) hohen Wachstumsrate. Es hat eine Landwirtschaft, die alle InderInnen ausreichend ernähren könnte: Dennoch ist die Zahl der Unterernährten, besonders die der Kinder, hoch. (vgl. Welthungerkarte)

Indien nennt sich gern die größte parlamentarische Demokratie der Welt. Es hat eine Verfassung, die nicht nur historisch diskriminierte Minderheiten schützt, sondern ihnen im begleitenden Recht pragmatisch über eine Quotierung den Anspruch auf Repräsentanz – zusichert. Im sozialen Alltag haben jedoch die geschützten sozialen Minderheiten, die Dalits, ehemals “Unberührbare”, im Verfasungsjargon scheduled castes und die Adivasi, indigene Bevölkerungsgemeinschaften, verfassungsmäßig scheduled tribes, aufgrund der realen Situation (mangelnde Alphabetisierung, mangelnde Aufklärung über rechtliche Grundlagen, mangelnde Kenntnis über praktische Verfahren), nur sehr geringe Möglichkeiten, von ihren Rechtsansprüchen Gebrauch zu machen.

2. Shining India: Ein gigantisches Modernisierungsprojekt

IndiaShiningBildkommentar: “India Shining” war ein Marketing-Slogan, der den wirtschaftlichen Optimismus um die Jahrtausendwende ausdrücken sollte. Er wurde von der Bharatiya Janata Party (BJP) für die indischen Parlamentswahlen 2004 popularisiert. Das “India Shining”-Motto zog zahlreiche Kritik von KolumnistInnen und politischen KritikerInnen der damals regierenden Nationaldemokratischen Allianz auf sich, weil es die vielen sozialen Probleme wie Armut und soziale Ungleichheit beschönige.
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Am indischen Unabhängigkeitstag 2014 kündete der neugewählte Premierminister (PM) Narendra Modi (BJP) [1] den Start einer neuen Initiative an: “Make in India”. Ziel war u.a., ausländische InvestorInnen für den Wirtschaftsstandort Indien einzuwerben. (Werbevideo) Die Vision eines “leuchtenden Indien”, Parteislogan der BJP von 2004, stand in einer längeren Tradition. Zu Beginn des neuen Jahrtausend hatte Abdul Kalam die Schwächen und Stärken Indiens als Nation untersucht und daraus ableitend die Vision eines zukünftigen Indien entworfen, das in 2020 eine Chance haben könnte, in die Gruppe der weltweit führenden Wirtschaftsmächte aufzusteigen. Sein Buch, India 2020: A Vision of the New Millennium (1998) , ist einem jungen Mädchen gewidmet, das er einst fragte: “Was ist Dein Traum”, und sie soll geantwortet haben: “Ich möchte in einem entwickelten Indien leben.” “Mister Missile”, wie Kalam damals im Volksmund genannt wurde, entwickelte einen Aktionsplan, der u.a. auch die Förderung der Raketenindustrie einbezog. “A developed India by 2020, or even earlier, is not a dream. It need not be a mere vision in the minds of many Indians. It is a mission we can all take up – and succeed. A P J Abdul Kalam [2]
Seit der sog. “post-IMF-Phase” hat sich Indien zunehmend zu einer offenen Marktwirtschaft entwickelt. Die in den 90er Jahren einsetzenden Liberalisierungsmaßnahmen umfassten Bereiche wie die industrielle Deregulierung, die Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen sowie reduzierte Kontrollen über den Außenhandel. Indiens politische Führung hatte bis dahin  an einer Entwicklungsstrategie, zu einen großen Teil sowjetisch geprägt (staatliche Kontrolle und Regulierung der Privatwirtschaft etc.), festgehalten, auch dann noch, als andere kommunistisch regierte Länder sich bereits auf einem wirtschaftlichpolitisch modifizierten Kurs befanden. Heute gibt es in Indien hochmoderne Industrieanlagen in der Stahlbranche, der Textilwirtschaft, dem IT-Komplex, dem Medizinwesen und der Weltraumtechnik. Die wichtigsten Industriestandorte sind im Großraum Mumbai/Pune, im Großraum Delhi und, in Südindien, in den drei Städten Chennai (ehemals Madras), Bangalore und Hyderabad angesiedelt, gefolgt vom Industrieraum Kolkota.

Nach dem Census von 2011 beläuft sich das Stadt/Land-Verhältnis in Indien von 27.82% (urban) zu 72.18% (ländlich). Das mag sich nach 5 Jahren zugunsten des städtischen Anteils tendentiell verschoben haben. Dennoch bleibt Indien maßgebend vom Zustand seines landwirtschaftlichen Sektors bestimmt. Das Gesicht der Landwirtschaft hat sich in den letzten Dekaden in Schüben verändert. Es begann mit der “Grünen Revolution” und der damit einhergehenden Technologisierung. Damals wurde versucht, durch chemisch unterstützte Maßnahmen (Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden etc.) die Erträge so zu steigern, dass das Land von Nahrungsmitteleinfuhren unabhängig wurde. Mit der Globalisierung änderte das Gesicht der Landwirtschaft ein weiteres Mal. Während indische Bauern und Bäuerinnen zuvor für den Eigenbedarf, die unmittelbare Region oder den Inlandsbedarf produzierten, wurde ihnen jetzt abverlangt, sich stärker auf die sogenannten cash crops einzulassen: “marktfreundliche”, d.h. für den Export bestimmte Hochertragsernten, z.B. Baumwolle. Dieser neue Aspekt erforderte von den FarmerInnen einen weiteren finanziellen Input. Gleichzeitig gewannen ausländische Investoren zunehmend Einfluss auf die indische Landwirtschaft. Beispiel: Monsanto.

Bevor Monsanto auf der Basis der 1988 von der Weltbank verordneten Saatgut-Politik einstieg, bauten indische Bauern Baumwolle aus eigener Zucht an, zusammen mit anderen Feldfrüchten, die sie wirksam vor durch Insekten übertragene Krankheiten schützten. Da die Samen der Baumwollpflanzen natürlich waren, konnten die Bauern einen Teil zurückhalten und im nächsten Jahr erneut aussäen, ohne Lizenzgebühren für neues Saatgut zahlen zu müssen. Mit den Verlockungen, durch genmanipuliertes Saatgut höhere Erträge erzielen zu können, gerieten indische Baumwollbauern in eine Falle. Vandana Shiva, indische Wissenschaftlerin und soziale Aktivistin, die für ihr Engagement in den Bereichen Umweltschutz, biologische Vielfalt, Frauenrechte und Nachhaltigkeit mehrfach ausgezeichnet wurde, sprach von einem “trojanischen Pferd”. [3] In ihren Veröffentlichungen beschreibt sie die schrittweise Übernahme des Landwirtschaftssystems des Landes. Es begann mit der Deregulierung des indischen Saatgutsektors. Monsanto kaufte alle Saatgutfirmen auf, die es in die Hand bekommen konnte, mit den übrigen wurden Joint Ventures gebildet oder Lizenzvereinbarungen getroffen. Viele indische FarmerInnen kapitulierten.

Arundhati Roy, Inderin, literarische Autorin, Essayistin und vermutlich vehementeste Kritikerin Indiens [4], in Delhi wohnend, berichtet in ihrem Buch Capitalism: A Ghost Story (2014) von 250.000 indischen Bauern, die seit 1995 Selbstmord begingen, weil sie den Bedingungen, die zunehmend die indische Landwirtschaft beherrschten, nicht mehr standhalten konnten. Eine Viertelmillion von indischen Bauern und Bäuerinnen nahm sich – Schätzungen zufolge – seit 1995 das Leben, und damit sei noch nicht die Dunkelziffer erfasst, da Frauen nicht als Bauern oder Landwirte in die Statistiken eingingen; und wenn sie sich das Leben nahmen, wurden andere Beweggründe in Rechnung gestellt: Depressionen, postnatale Reaktionen, etc.

3. Living with Poverty: Armut und Armutsbekämpfung

Dharavi_Slum_in_MumbaiBildkommentar: Der Dharavi Slum in Mumbai gilt als der größte Slum Asiens. Er entwickelte sich in der britischen Kolonialzeit durch Ausweisung von Fabriken aus dem Halbinselstadtzentrum sowie dem Zuzug der armen Landbevölkerung in die Städte. Dharavi ist heute eine multireligiöse, multiethnische, diverse Siedlung. Schätzungen variieren zwischen 300.000 bis etwa 1.000.000 BewohnerInnen.
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Indien, das 1,3-Miliarden-Land, macht seiner Bevölkerung gewaltige Versprechen. Make in India, Clean India und Digital India sind nur ein paar Begriffe, die die neuerliche Industrieoffensive auf den Punkt bringen sollen. Gleichzeitig kommt das Land nicht von Wahrnehmungen los, die eine solche gewaltige Zukunftsprojekte relativieren. Nicht nur, dass Indien offenbar wenig pfleglich mit seiner Landbevölkerung zu verfahren scheint: Das Armutsproblem ist durchgängig. Auf der Welthungerkarte scheidet Indien schlecht ab: Es hat eine der höchsten Quoten an Mangelernährung. Eins von fünf mangelernährten Kindern der Welt scheint demnach in Indien zu leben. Im Human Development Report 2014 stand Indien auf Platz 135. Der Report stellte außerdem fest, dass Länder mit einem weit niedrigeren Bruttoinlandprodukt (BIP) mehr für die soziale Sicherheit ihrer BewohnerInnen tun als Indien.

Mangelernährung hat in Indien viele Ursachen. Sie ist das Ergebnis weit verbreiteter Armut, Konsequenz eines schnellen Bevölkerungswachstums, eines öffentlich unterentwickelten Gesundheitssystems, ein in vielen Regionen unzureichender Zugang zu sauberem Wasser, Defizite im Bereich sanitärer Einrichtungen, der Ineffizienz von Kommunalregierungen, uvm.

Als es schwer wurde in der Landwirtschaft, zogen viele – zumeist Männer – in die aufsteigenden Städte, weil sie glaubten, dort saisonal ein Zubrot zu verdienen, das ihren zurückgelassenen Familien auf dem Lande später zu Hilfe kommen sollte. Aber die indischen Städte waren auf den Zustrom nicht vorbereitet. Viele Arbeitssuchende aus den ländlichen Bereichen landeten in den städtischen Slums. Es gab auf YouTube bewegende Bilder, von denen jedoch aus Copyright-Gründen manche nicht mehr verfügbar sind.

Das Armutsproblem in Indien wird durch einen weiteren Faktor verschärft. 90% der arbeitenden Bevölkerung arbeitet im sog. informellen Sektor, meist buchstäblich auf der Straße. [5] Per Gesetz hat zwar jeder Inder und jede Inderin Anrecht auf 100 Tage bezahlter Arbeit im Jahr. Das gilt jedoch nur dann, wenn die Arbeitssuchenden registriert sind, d.h. im formellen Wirtschaftssektor arbeiten. 2014 legte eine indische Expertenkommission, die Rangarajan-Kommission, die Armutsgrenze neu fest. Wer mehr als 32 Rupien am Tag (weniger als 50 Cent) auf dem Land oder 47 Rupien in der Stadt verdient, solle laut Bericht, den die Expertengruppe der staatlichen Planungsbehörde vorlegte, nicht als arm gelten. Diese Festsetzung hat dramatische Folgen: Wer nur wenig mehr Geld zur Verfügung hat, verliert seinen/ihren Anspruch auf subventionierte Lebensmittel, die von staatlichen Stellen verteilt werden. International wird die Armutsgrenze mit umgerechnet 75 Rupien angegeben.

Niemand scheint in Indien aus offizieller Sicht für die Armut verantwortlich zu sein. Die Mittelschicht, die über weite Teile den Glauben in die Funktionalität der staatlichen Infrastruktur – öffentliche Kliniken, Schulen etc. – verloren hat, zieht daraus eigene pramatische Schlüsse. Wer es sich leisten kann, zieht in sog. “Gated Communities”. Beispiel ist u.a. Gurgaon südlich von Delhi mit drei Mio BewohnerInnen. Tendenz ist, eine Mauer rund um eine Siedlung zu bauen und sich privat für Müllabfuhr, Stromversorgung, für Wasser, gute Schulen und eine gute medizinische Versorgung zu kümmern.

Was die Kapitalisierung mit den urbanen Räumen macht, geht eindrucksvoll aus einer Arbeit von Rana DasGupta hervor. DasGupta ist Engländer indischer Herkunft. Sein Buch: Delhi: Im Rausch des Geldes 2014 (Originaltitel: Capital: A Portrait of Twenty-First Century Delhi , 2014).

4. Modernization Meets Tradition: Kastenwesen und Kastendenken

Kastensystem_in_IndienBildkommentar: Die Grafik zeigt das traditionelle Kastensystem mit seinen vier Hauptkasten (Jati). Daneben gibt es viele Tausend Unterkasten. Am untersten Ende stehen die Dalits (ehemals “Unberührbare”, “Harijans”). Außerhalb des hinduistischen Kastensystems stehen die Nicht-Hindus (Indigene Gruppen, im Verfassungsjargon: die Scheduled Tribes, aber auch Moslims, Christen etc.
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Eine repräsentative und inklusive Demokratie funktioniert nur dann, wenn alle Bürger und Bürgerinnen die gleichen Chancen haben, sich mit ihren  Belangen, Wünschen und Forderungen an das Gemeinwesen einbringen zu können. Sie lässt auf archaischen Denkweisen beruhende Ungleichheiten und Diskriminierungen nicht zu. Als spezifisch indischer Grund für die anhaltende Armuts- und Hungerkrise wird häufig das archaische Kastensystem genannt. Auf dem Papier existiert es nicht mehr. Artikel 14 und 15 der indischen Verfassung verbieten Diskriminierung aufgrund von Kaste, Hautfarbe, Religion oder Geburtsort. Dennoch ist im gelebten Alltag das Kastendenken immer noch präsent. Nicht mehr mit der einstigen Rigorosität, dennoch aber spürbar.

Das traditionelle hinduistische Kastendenken geht auf eine mehr als zweitausendjährige Geschichte zurück. Ursprünglich hat es dazu beigetragen, eine statische Gesellschaft zu organisieren. Es beruhte auf Hierarchie und die Separation einzelner Bevölkerungsgruppen aufgrund von Arbeitsteilung. Auf der höchsten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie standen die Brahmanen. Sie verfügten über das traditionelle Wissen, das – wie man glaubte – für eine funktionierende Gesellschaft gebraucht wurde. Darunter standen die Kshastryas (Aussprache). Sie waren ursprünglich Krieger, Fürsten und Könige. Danach kamen die Vaishiyas: Kaufleute, Händler, Geldverleiher und Großgrundbesitzer. Die unterste offizielle Kaste bildeten die Shudras. Sie umfasste die Mehrheit der Bevölkerung: Handwerker, Pachtbauern, Knechte und andere Dienstleister.

Das traditionelle hinduistische Kastensystem grenzte ganze Bevölkerungsgruppen aus, u.a. die ehemals so bezeichneten “Unberührbaren”, später “Harijans”, wie Gandhi sie nannte. Heute bezeichnen sie sich als Dalits, als die “Gebrochenen”, weil ihnen Gandhis Label zu patriarchalisch klang. [6] Ebenso ausgegrenzt waren die Adivasi, indigene Bevölkerungsgruppen. [7] Beide Gruppen sind in der indischen Verfassung als schedules castes (Dalits) und scheduled tribes (Adivasi) geschützt. Die Verfassung sieht eine demokratische Teilhabe, u.a. durch Quotenregelung (im indischen Sprachgebrauch: “reservations”) vor.

Obwohl offiziell abgeschafft, spielt das Kastendenken immer noch eine nicht zu vernachlässigende Rolle, verliert aber im urbanen Raum zunehmend an Bedeutung. Bei der Beschreibung der indischen Gesellschaftsstruktur setzt sich zunehmend ein Schichtenmodell durch, das jedoch in seinen Dimensionen nicht mit europäischen Vorstellungen vergleichbar ist. Dazu – als Beispiel – Bergthaler:

Die Oberschicht repräsentiert maximal 1% der indischen Gesellschaft. Darunter nicht nur die 150.000 Dollar-Millionäre, sondern auch die intellektuelle und wirtschaftliche Elite, Wirtschaftstreibende, Großgrundbesitzer und Industriellenfamilien. In Indien sagt man gerne „creamy layer“ oder „upper crust“.

Als Indiz einer soliden Gesellschaft gilt nach westlichen Überzeugungen eine breite Mittelschicht (middle class). In Indien ist die Mittelschicht schmaler als in vielen traditionellen Ländern Europas. Die Merkmale sind jedoch oftmals vergleichbar: Beide Ehepartner arbeiten (bei internationalen oder heimischen Firmen in der Software- oder IT-Branche) oder sind selbstständig. Sie sind in der Regel jung, gut ausgebildet und konsumorientiert. Sie geben Geld für Wohnen, Autos, Reisen und Kinobesuche aus. Die Unterschicht sei – so Bergthaler – zweigeteilt: Personengruppen, die oberhalb und Personengruppen, die unterhalb der Armutsgrenze leben:

In Indien leben zwischen 600 und 800 Millionen Menschen, die mit weniger als 2 bis 3 Dollar am Tag leben müssen. Sie bilden die beiden unten Schichten der Gesellschaft. Die dritte Schicht ist jene „über der Armutsgrenze“ und besteht aus einfachen Arbeitern, Hilfskräften, kleinen Händlern, Handwerkern, Kleinbauern und Mikrounternehmern. Sie verfügen über geringe Bildung. […] Am unteren Ende der Pyramide findet man die Personen unter der Armutsgrenze, das sind etwa 300 bis 400 Millionen Menschen, meist Analphabeten oder mit geringer Bildung. In den Städten leben sie in den Slums, oder unter ärmlichen Verhältnissen am Land. Unterkunft, Essen, Wasser, Kleidung sind nicht immer sichergestellt.

Rashtriya_Dalit_Prerna_Sthal_and_Green_GardenBildkommentar: Das Rashtriya Dalit Prerna Sthal, am 14. Okt. 2011 in Noira eingeweiht, ist eine Dalit-Gedenkstätte und Ort der Inspiration. Es wurde gebaut, um den Kampf von AktivistInnen zu ehren, die sich für eine soziale Transformation Indiens einsetzten. Dalits kämpfen immer noch Jahrzehnte nach der offiziellen Anschaffung des Kastenwesens um Anerkennung.
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Es gibt schon seit langem, im Westen weniger bekannt, Versuche, das indische Kastensystem zu revolutionieren oder gänzlich abzuschaffen. Gandhi stellte das Kastensystem nie in Frage. Anders sein damiger politischer Gegenspieler Bhimrao Ramji Ambedkar, der – anders als Gandhi – aus der Kaste der “Unberührbaren” stammte. Durch glückliche Lebensumstände war es ihm gelungen, Jura zu studieren. 1947 wurde der inzwischen anerkannte politische und geistige Führer der Dalits Justizminister der ersten Regierung des unabhängigen Indien. Er war maßgeblich an der Ausarbeitung der indischen Verfassung beteiligt. 1951 trat er als Minister zurück, nachdem er einsehen musste, dass die hinduistische Führungsschicht nicht bereit war, seinen Forderungen nach sozialer, wirtschaftlicher und politischer Gleichstellung der Dalits im vollen Umfang nachzukommen. Ambedkar ist heute Inspirationsquelle in vielen Dalit-Haushalten. Wenn es an den Wänden ein Foto gebe, so Arundhati Roy, sei es eins von Ambedkar: Bilder Gandhis suche man hier vergebens.

In der indischen Literatur in englischer Sprache gibt es fortschrittliche Autoren, die sich der durch das indische Kastensystem hinduistisch Ausgegrenzten angenommen haben, u.a. Mulk Raj Anand in seinem Roman The Untouchable (1934). Er beschreibt einen Tag im Leben Bakhas, eines jungen Kehrers (sweeper), der zu den “Unberührbaren” gehört, weil er Latrinen reinigt.[8]

Dalits und Adivasi sind heute selbstbewusster geworden, haben sich eine Stimme verschafft. Sie treten aus der Opferrrolle heraus und engagieren sich u.a. für eine fiktionale Literatur, die Dalits und Adivasi als kämpferisch darstellt.

5. Geschlechtergerechtigkeit: Wenn Kultur tötet

Arundhati_Bhattacharya_-_Kolkata_2014-05-23_4312Bildkommentar: Arundhati Bhattacharya ist Vorsitzende der State of India Bank (2014) Beispiele für erfolgreiche indische Frauen könnte man viele benennen: Indische Frauen leiten heute weitaus mehr große Banken als bei uns in Europa. Arundhati Bhattacharya ist (2014) Vorsitzende einer der größten und führenden indischen Banken im öffentlichen Sektor, der State Bank of India. Chanda Kochhar ist Geschäftsführerin und CEO der ICICI Bank, Indiens größter Privatbank, das zweitgrößte Geldinstitut des Landes. Kiran Mazumdar-Shaw ist Vorstandsvorsitzende des Biotechnologieunternehmens Biocon in Bangalore (mit weltweiter Präsenz).
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„Genauso vielschichtig wie die Realität in allen indischen Lebensbereichen ist auch die Situation der indischen Frau, die von selbstverständlicher Autorität zu totaler Unterwürfigkeit, von höchstem Selbstbewusstsein zu trauriger Selbstverleugnung, von der verfassungsmäßigen Garantie absoluter Gleichberechtigung zu einer Realität reichen, in der ein ständiger Kampf um die verfassungsmäßigen Rechte geführt werden muss,“ so Rami Chhabra, indische Schriftstellerin und Journalistin.

Es gibt viele indische Frauen, die – weniger öffentlich exponiert – ein vergleichsweise selbstbestimmtes Leben führen. Die Jüngeren tragen Jeans und haben Kreditkarten und Smartphones. Sie arbeiten auf gut dotierten Posten und können auch nach europäischen Standards ihr Leben vergleichsweise autonom gestalten. Anders jedoch die Frauen der Unterschicht(en). Sie sind oft Herausforderungen ausgesetzt, die sie aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation und ihres sozio-kulturellen Status nur schwer meistern können. Sie leiden am stärksten unter dem inoffiziellen Fortbestand archaischer Strukturen, u.a. in Form der uralten Tradition der Mitgift.

Mädchen, so sie heiratsfähig sind und eine (arrangierte) Heirat zwischen den Braut- und Bräutigam-Eltern verabredet ist, wechseln – so die Tradition – in die Familie des Bräutigams über. Dies ist verbunden mit einer Mitgift, die ursprünglich der Stellung der Frau in der neuen Familie Rückhalt geben sollte. Wie Veena Talwar Oldenburg in ihrem Buch Dowry Murder: The Imperial Origins of a Cultural Crime (2002) recherchierte, veränderte sich die Bedeutung der Mitgift bereits während der britischen Kolonialherrschaft (1858 bis 1947). Jetzt wurde es Usus, dass die Brauteltern die Mitgift direkt an die Familie des Mannes zu zahlen hatten, was nicht selten zu innerehelichen Streitigkeiten führte, so etwa, wenn der Ehemann mit den Wert der Mitgift unzufrieden war oder später Nachforderungen stellte. Vor dem Hintergrund einer feudal-patriarchalischen Kultur, in der häusliche Gewalt nicht als Verbrechen angesehen und geahndet wird, kann das für indische Frauen fatale Folgen haben, bis hin zu Gesichtsverbrennungen oder Mord. Denn dann können Männer erneut auf Brautschau gehen. Die oberen Schichten verstehen, sich zu arrangieren. Die unteren Schichten trifft dieses archaische Denken jedoch mitunter schwer. Söhne werden oft bevorzugt, Mädchen dagegen vernachlässigt. Weshalb, fragen sich mitunter arme Familien, sollen sie in Mädchen investieren, sie z.B. zur Schule schicken, wie es das Gesetz vorsieht, wo sie doch, besonders auf dem Lande, bei der Beschaffung der Ernährungssicherung so dringend gebraucht werden und später nicht mehr der Ausgangsfamilie zur Verfügung stehen.[9] Der Fortbestand der alten Mitgift-Tradition hat in jüngster Zeit dazu geführt, dass arme, mit dem Existenzminimum kämpfenden Eltern geneigt sind, in die sog. Sumangali-Verträge[10] einzuwilligen, die versprechen, dass sich ihre Töchter ihre Mitgift selbst erarbeiten.

Das Gebiet um die Städte Tirupur, Coimbatore und Erode im Bundesstaat Tamil Nadu ist das Zentrum der indischen Textilbranche. Dort arbeiten nach Medienberichten rund 500.000 Menschen in der Bekleidungsindustrie. Tirupur ist einer der größten Textilstandorte der Welt, dort lassen fast alle internationalen Unternehmen produzieren. Rund 7.500 Textilfabriken soll es in Tamil Nadu geben, von kleinen Familienunternehmen bis hin zum Vertriebsgiganten wie Eastman Exports. Die Mädchen, die dort auf der Basis der Sumalgami-Verträge arbeiten, dürfen nach Rechercheberichten von Menschenrechtsorganisationen für den verabredeten Zeitraum, drei bis vier Jahre, das Gelände nicht verlassen und bekommen dafür am Ende der Vertragszeit, so wurde ihnen versprochen, eine bestimmte Summe ausgezahlt, mit der sie sich dann ihre Mitgift selbst finanzieren könnten. Dazwischen liegen häufig Jahre der Demütigung, Schläge, sexueller Übergriffe, Hunger. Der Monatslohn ist minimal. Wenn die Mädchen in der Zwischenzeit krank werden, entfällt selbst der magere Entgelt und damit oft auch die Hoffnung auf die verabredete Endsumme. Sie stehen mittellos buchstäblich auf der Straße.

Geschlechtergerechtigkeit ist in Indien jedoch nicht nur im Arbeitssektor eine der großen nationalen Herausforderungen. In 2012 sorgte der Fall der 23-jährigen Studentin Jyoti Singh Pandey für weltweites Entsetzen und in Indien für Massenproteste. In einem Bus in Neu Delhi wurde die junge Frau von einer Gruppe Männern so misshandelt und vergewaltigt, dass sie knapp zwei Wochen später an ihren Verletzungen starb. Damals ging eine Woge des Protestes durch das Land. Indiens Parlament verschärfte darauf das Anti-Vergewaltigungsgesetz. Manmohan Singh, damaliger Premierminister Indiens (2004-2014), brandmarkte das Problem als “nationale Schande”. Sein Nachfolger im Amt, Narendra Modi, appellierte an die Bürger, “Mütter, Töchter und Schwestern” besser zu schützen. Dennoch lassen die Nachrichten über frauenfeindliche Übergriffe in Indien nicht nach und die veröffentlichte Meinung zeigt sich restriktiv.

Der Fall der 23-jährigen Studentin war Anlass für die Dokumentation India’s Daughter (“Indiens Tochter”) der britischen BBC-Regisseurin Leslie Udwin, die am internationalen Frauentag im indischen Fernsehen gezeigt werden sollte. Doch ein Gericht untersagte die Ausstrahlung. Begründung: der “anstößige” Film zeige ein “sehr strittiges Interview” mit einem zum Tode verurteilten Vergewaltiger und bedrohe damit die öffentliche Ordnung. Dass das Problem von oberster Stelle nicht diskutiert werden mag, zeigt, wie virulent das Thema ist.

Gewalt gegen Frauen als Relikt einer feudal-patriarchalischen Gesellschaft ist nicht beschränkt auf das, was sich öffentlich abspielt. Sie findet oft hinter verschlossenen Türen statt. Nicht nur in Indien. In Indien scheint oft Gewalt gegen Frauen gedeckt zu sein durch eine Polizei, die das Problem entweder nicht ernst nimmt oder ignoriert. [11]

6.
Korruption als a way of life

150px-Flag_of_India.svgBildkommentar: Die Flagge Indiens besteht aus drei horizontalen Streifen gleicher Breite, oben safranfarben, in der Mitte weiß und unten grün. Im weißen Zentrum befindet sich ein marineblaues Chakra (Rad mit 24 Speichen.) In ihrer symbolischen Funktion ist sie zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausgelegt worden.
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Die Verfassung Indiens, drei Jahre nach der Unabhängigkeit (1947) in Kraft getreten, wurde damals weltweit begrüßt als ein mutiges und mit Blick auf Asien zukunftsweisendes Projekt. Darin definiert sich Indien als eine “parlamentarische Bundesrepublik”. In der Präambel kommt das damalige Selbstverständnis zum Ausdruck. Sie solle sein eine „souveräne, sozialistische, säkulare, demokratische Republik“. Der freiheitliche Grundcharakter schlägt sich im Grundrechtskatalog nieder. Darin sind allgemeine Menschenrechte wie Gleichheit vor dem Gesetz und die Nichtdiskriminierung aufgrund von Religion, Rasse, Kaste, Geschlecht oder Herkunft verankert (Art. 12 bis 18). Besondere Bedeutung kommt Art. 17 zu, der das Konzept der “Unberührbarkeit” abschafft und Verstöße unter Strafe stellt. Die indische Verfassung wird von 99 Amendments, d.h. Zusatzartikel (2014), ergänzt, die das demokratische Miteinander regeln sollen. Als Beispiel das Right to Education sowie das Recht auf Nahrungsmittelgrundversorgung (National Food Security Act 2013)
Hauptsäulen der Verfassung sind Gewaltenteilung und Föderalismus. Die drei “Gewalten” (gesetzgebend, exekutiv und judikativ) kontrollieren sich gegenseitig nach dem aus westlichen Demokratien bekannten Prinzip der checks and balances. Alle zentralstaatlichen Entscheidungen werden auf bundes- bzw. unionsstaatlicher Ebene den regionalen Besonderheiten angepasst. Jedoch: Eine noch so fortschrittliche demokratische Verfassung implementiert sich nicht von selbst. In den Worten von Jean Drèze und Amartya Sen ist Indien “eine Demokratie ohne Gerechtigkeit.” In ihrem Buch Indien: Ein Land und seine Widersprüche (Originaltitel: An Uncertain Glory: India and its Contradictions, 2013) benennen sie Klasse, Kaste und Geschlecht als die entscheidenden Ursachen für Ungleichheit und Fehlentwicklungen in der indischen Gesellschaft. Eine weitere Herausforderung ist die Korruption, die auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens anzutreffen ist. Im Korruptionsbericht (Corruption Perception Report) von Transparency International (2014) liegt Indien auf Platz 84, hinter Burkino Faso.

Bestechlichkeit hat in Indien eine lange Geschichte. Vandana Shiva führt die Tradition auf zwei Faktoren zurück: zum einen die britische Kolonialpolitik, die durch die Etablierung einer undurchsichtigen Bürokratie Korruption begünstigte und zum anderen neuzeitliche Globalisierungstrends. Zu letzteren Vandana Shiva:

Wenn man auf eine Karte Indiens schaut, dann erkennt man, dass der zentrale Teil Indiens, der Waldgürtel, eine von Stämmen bewohnte Fläche ist. Und durch die globalisierte Ökonomie wurden Bauxit-, Eisenerz- und Kohle-Bergbau, also die ganze Reihe verschmutzender Industrien, in diese Regionen gebracht, in Bundesländer wie Chhattisgarh oder Orissa. 1996 wurde ein sehr wichtiges Gesetz in Indien in Kraft gesetzt. Es beinhaltet, kurz gefasst, die Selbstverwaltung der Stammesgemeinschaften. Im Kern sagt das Gesetz, dass, wenn Stammesgemeinschaften Entscheidungen treffen müssen, zum Beispiel über den Bau von Bergwerken oder Fabriken in ihrer Gegend, die höchste Autorität dann die Gemeinschaft selbst ist. (zitiert nach: Vandana Shiva: Indiens Schocktherapie)

Gemeint ist die Land Acquisition Bill, die bisher Dorfgemeinschaften bei staatlichen Erwerbsvorhaben von Land per Gesetz die Möglichkeit einräumten, mehrheitlich mitzuentscheiden, ob es auch in ihrem Interesse lag, dass der Deal zustandekam. (mehr zu Vandana Shivas Argumentation) Die Land Acquisition Bill steht im Zuge der Anwerbung von auswärtigen Investoren hart in der Diskussion. Industrie- und Infrastrukturprojekte wie Sonderwirtschaftszonen und Dämme haben in der Vergangenenheit Millionen von Menschen verdrängt. Viele waren “Tribals”, verdrängte Stammesgemeinschaften (zu den statistische Daten.) Manche der Verdrängten warten offenbar immer noch auf angemessene Entschädigung. Dass alles nicht ordnungsgemäß abgewickelt wurde, wird von KritikerInnen der Korruption angelastet. Hier dazu Überlegungen, im Internet findbar, die zu denken geben: Hätte das Verfahren des Landerwerbs durch die Regierung nach den Regeln der sog. guten Regierungsführung (Good Governance) stattgefunden und die darauf folgende Vergabe an Landrechten entsprechend ordnungsgemäß durchgeführt worden, wären die Erträge in die Staatskasse geflossen, die dann zur Armutslinderung hätten eingesetzt werden können.

Das “System” aus Bürokratie, Bestechlichkeit und Klientelismus wird im heutigen Indien nicht mehr so einfach hingenommen. Das zeigt u.a. der Erfolg AAP, der “Partei des einfachen Mannes”, die aus der Antikorruptionsbewegung hervorgegangen ist. Die AAP nimmt sich der weniger Priviligierten an. Ihren stärksten Rückhalt hat sie bei den Slumbewohnern in den Vorstädten, die ihr Trinkwasser von den Tankwagen von Privatunternehmern, in der Regel zu überhöhten Preisen, kaufen müssen, weil ihre Häuser nicht an das öffentliche Leitungsnetz angeschlossen sind. Die Partei erhält Rückhalt auch bei den StraßenhändlerInnen, die oft Belästigungen und Schutzgelderpressungen durch bestechungsanfällige Polizisten ausgeliefert sind. Bisher ist es der AAP jedoch erst nur punktuell gelungen, auf Länderebene Einfluss zu gewinnen, so im Unionsterritorium Delhi. In anderen Bundes- und Unionsstaaten ist ihr Einfluss minimal. Als sozialdemokratische Wahlalternative in die Lok Sabha, die erste Kammer des indischen Parlaments, einzuziehen, ist für sie schwer, was u.a. mit dem indischen Wahlsystem zu tun hat, das – an GB angelehnt – nach dem Mehrheitswahlrecht (the winner takes all) funktioniert. Daher wird es für AktivistInnen, die sich der Armen annehmen, auch in Zukunft darum gehen, ihre Stimme außerparlamentarisch zu Gehör zu bringen.

7.
Zivilgesellschaft, Protestkultur und Widerstand

GulabiGangBildkommentar: Vertreterinnen der Gulabi “Red-Sari” Gang (2010). Die Gulabi Gang ist ein Zusammenschluss indischer Frauen im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh, die sich für Frauenrechte und gegen soziale Ungerechtigkeit einsetzt. Gulabi bedeutet „rosa“ und soll das weibliche Wesen (weich und duftend) symbolisieren. Charakteristisch sind pinkfarbene Saris und Schlagstöcke aus Bambus (Lathi), die üblicherweise von Polizeiangehörigen getragen werden.
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In Junge Welt (29.08.2011) schreibt Thomas Eipeldauer:

Wie man Indien beschreibt, hängt von der Perspektive ab, von der man Dinge betrachtet. Vom Standpunkt des nationalen und internationalen Großkapitals ist Indien ein Hort der Hoffnung in unsicheren Zeiten: hohe Wachstumsraten, ambitionierte Liberalisierungsbestrebungen, Bodenschätze in Hülle und Fülle und ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an billigen Arbeitskräften. Aus dem Blickwinkel des bei weitem größten Teils der Bevölkerung des Landes sieht diese “Erfolgsstory” anders aus. Während sich die neureiche Bourgeoisie mit Konsumgütern aus aller Welt eindeckt, ist das Leben anderer Teile der Bevölkerung geprägt von Hunger, Ausbeutung, Diskriminierung und Vertreibung.

Im Folgenden soll das neue Indien aus der Sicht des zivilgesellschaftliches Engagement beleuchtet werden. Die Existenz einer robusten Zivilgesellschaft in Indien hat bisher verhindern können, dass es nicht zu flächendeckend demokratiezerstörenden Gewaltausbrüchen kam. Die Tradition der indische Protestkultur ist breit gefächert und hält viele unterschiedliche Widerstandsformen parat. Sie kann friedlich verlaufen oder gewaltsam sein, kann klein, z.B. auf Kommunalebene, oder groß als medienbegleitete nationale Aktion stattfinden, kann sich als Guerilla-Aktion, Demonstrationmarsch, Streik oder – ganz schlicht – als Kunstaktion äußern.

In Speak Up! Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien (2013), die bislang (2014) aktuellste und umfassendste deutschsprachige Veröffentlichung zu den Sozialbewegungen in Indien, beschreiben die HerausgeberInnen und AutorInnen, was sich derzeit in Indiens Sozialbewegungen tut. Die einzelnen Gruppen setzen an unterschiedlichen Themen an und sind von unterschiedlichen Überzeugungen geprägt. Es lassen sich drei inhaltliche Hauptschwerpunkte ausmachen: der Kampf gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch nationale und internationale Konzerne, der Kampf um die Würde von Frauen und der Kampf um die Inanspruchnahme rechtlicher Möglichkeiten, insbesondere durch benachteiligte Gruppen.

Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch nationale Eliten und internationale Konzerne zuungusten der Schwächeren ist ein altes Widerstandsthema in Indien. Allen voran haben sich seit Beginn der Republik die sog. Naxaliten des Themas angenommen. Ihre Widerstandsformen waren lange kontrovers, da in der Vergangenheit oft gewaltbesetzt. In jüngster Zeit hat man über die mainstream-Medien weniger von ihnen erfahren. Engagierte JournalistInnen und AutorInnen, z.B Jan Myrdal oder Arundhati Roy, haben sich auf Einladung von Naxaliten-Gruppen getroffen und mehr erfahren können. Ihren Berichten zufolge scheint das Aufbegehren, der Enthusiasmus und das Engagement der Naxaliten-Kämpferinnen und Kämpfer ungebrochen. [12]

Der Widerstand gegen die Vereinnahmung des Landes zugunsten eines deklarierten Gemeinwohls war in 2013 auch Thema einer Veranstaltung, die von der National Alliance of Peoples’ Movments (NAPM) organisiert wurde. Vom 08. bis 19. März fand ein Demonstrationsmarsch als Protest gegen das Delhi-Mumbai-Industriekorridor-Projekt statt. Das Delhi-Mumbai-Industriekorridor-Projekt ist ein gigantisches, staatlich gefördertes industrielles Entwicklung-Projekt, das über 1.483 km Länge sechs Teilstaaten in Indien überspannt. Die Perspektiven des Mega-Traums: In fünf Jahren solle sich das Beschäftigungspotenzial verdoppeln, die Industrieproduktion verdreifachen und die Exporte aus der Region sich vervierfachen. Aus der Webseite der NAPM im Originaltext:

Why Mumbai Delhi Sangharsh Yatra?

  • NAPM believes in citizens right to development planning and a model of development which is self sufficient, labour intensive and emerging from the bottom, rather than the top down monstrous ideas imposed in the name of public interest. Our fight is not against this or that project, we are challenging the development paradigm itself;

  • DMIC is a monstrosity that must be exposed, it’s undemocratic, bypasses constitutional rights of citizens, gram sabha, environmentally destructive and a tool for unprecedented resource grab by corporations;

  • In the history of struggles for reclaiming our rightful share in development planning and ensuring livelihood to the majority, urgent need to intervene lest it circumvents all the legal, political, financial and environmental safeguards in the country.

Die NAPM geht davon aus, dass die Bürger und Bürgerinnen Indiens Anspruch auf Transparenz mit Blick auf die Entwicklungsplanung und ein Entwicklungsmodell haben, das autark, arbeitsintensiv und auf die Bedürfnisse der Mehrheitsbevölkerung ausgelegt ist. Es gehe nicht darum, gegen das eine oder andere Projekt zu kämpfen, sondern gegen die herrschenden Entwicklungsparadigma selbst; DMIC, der Delhi-Mumbai Industrial Corridor, sei eine Ungeheuerlichkeit. Das Projekt sei undemokratisch, es umgehe die verfassungsmäßigen Rechte der Bürger, der gram sabha [13], es sei umweltschädlich und unterlaufe alle politischen, finanziellen und ökologischen Sicherheitsklauseln im Land.
Es würde zu weit gehen, die Prämissen dieser Position hier im Detail zu erläutern. Nur so weit: Die Land Acquisition Bill, auf einem Gesetz von 1894 aufbauend, zwischenzeitlich (2014) mit 99 Zusatzartikeln vorliegend, verbindet, einfach gesagt sog. “westliche” Vorstellungen von Grundbesitz (land tenure) mit Konzepten, die in der indischen Geschichte ihren Ursprung haben: die Überzeugung, dass die Erde (“Mother Earth”) mehr ist als eine kapitalistische Größe.

Ein zweiter Schwerpunkt ist der Kampf um die Würde von Frauen. Das Kapitelbild zeigt Vertreterinnen der Gulabi Gang. In der Dokumentation “Schlagstock unterm Sari – Indiens Frauen wehren sich” von Dorothee Dörholt (gesendet im WDR am 18.11. 2014) hieß es im Ankündigungstext: “Werden sie die 14jährige Suma aus den Fängen eines 30 Jahre älteren Ehemanns entreißen? Sie sind Indiens Antwort auf Robin Hood: Die Gulabi-Gang. Hunderte von Frauen in pinkfarbenen Saris. Sie halten Kinderhochzeiten auf, verprügeln uneinsichtige gewalttätige Ehemänner und zwingen Polizisten dazu, Vergewaltiger zu verhaften.

Der Widerstand indischer Frauen gegen die Geschlechterungleichbehandlung ist gesellschaftsweit. Dass das Thema Frauenfeindlichkeit immer noch restriktiv diskutiert wird, zeigt das Verbot, die Dokumentation der Regisseurin Leslee Udwin mit dem Titel India’s Daughter in Indien zu zeigen. International konnte es bedingslos abgerufen werden.

Ein dritter Schwerpunkt von Sozialbewegungen ist der Kampf um die praktische Inanspruchnahme geltenden Rechts, z.B. des Rechts auf Information.

RTI_CorruptionBildkommentar: Ein Poster der AIDINDIA.org, das zeigt, was bewirkt werden kann, wenn Inderinnen und Inder die Möglichkeiten, die ihnen das RTI-Gesetz bietet, wahrnehmen. von der schnellen Reparatur von Straßenlaternen über ausstehende Lohnzahlungen, den Erwerb von Lebensmittelkarten und Fabriklizenzen ohne Bestechungsgelder.VIEW IMAGE | VISIT PAGE

Das „Right to Information“-Gesetz handelt vom Rechtsanspruch aller Bürger und Bürgerinnen auf Zugang zu Informationen, was gekoppelt ist mit der Informationspflicht staatlicher Stellen. Ein YouTube-Video zeigt, wie einfach es ist, einen RTI-Antrag auszufüllen. (“Ein mächtiges Instrument für Indiens Arme”). In 2010 stellte die New York Times eine Bildgalerie ins Netz, die am Beispiel von Jharkhand zeigte, was durch die Wahrnehmung des RTI-Instruments bewirkt werden kann.

Jharkhand ist ein ostindischer Bundesstaat, 2000 gegründet, in dem nach Medienberichten Korruption und Inkompetenz weit verbreitet war, angeheizt durch den Reichtum an Bodenschätzen und einem politischen Chaos, das entstand, als sich das Bundesland 2000 aus dem Teilstaat Bihar löste. Die NYT-Bildgalerie zeigt an konkreten Beispielen, wie es möglich ist, das RTI-Gesetz als Instrument zur Korruptionsbekämpfung zu nutzen, beispielsweise, wenn es darum geht, die von der Regierung unterstützte Infrastrukturprojekte, z.B. den Bau von Straßen mit Blick auf ihre ausstehende Durchführung zu hinterfragen oder – auf der persönlichen Ebene – Auskunft darüber zu erhalten, weshalb ein Antrag auf Bewilligung eines Mini-Kredits zum Bau einer kleinen Brick-and-Mortar-Unterkunft einigen AntragstellerInnen gewährt wurde, anderen jedoch nicht. (Hier zur Erfolgsgeschichte.)

8.
A rich fiancé with many bridegrooms”: Indiens Balanceakt auf globaler Bühne

India_SpaceProgram_GSLV1IMAGE-KOMMENTAR: Im September 2014 brachte Indien nach Angaben des indischen Senders NDTV erfolgreich eine Marssonde zum Roten Planeten. Die New York Times amüsierte sich mit einer Karikatur, die Indien als einen abgemagerten Kuhhirten darstellte. Die NYT entschuldigte sich später für diese Karikatur.VIEW IMAGE | VISIT PAGE

1974 zündete Indien einen ersten nuklearen Sprengkopf, aber erst seit wenigen Jahren wird das Land als potentielle Weltmacht wahrgenommen. Indien verfügt nicht nur über Atomwaffen [14]: Es hat – nach Medienberichten – die drittgrößten Streitkräfte der Welt. In Südasien ist Indien vielen seiner Nachbarn nach Fläche, Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft überlegen. Erfüllt Indien die Voraussetzungen, als zukünftig führende politische Kraft die globalen Kräfteverhältnisse mitzugestalten?

Zur Zeit des “Kalten Krieges” optierte Indien für Blockfreiheit (non-alignment). Im Ost-West-Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sich das vom Britischen Empire entkolonisierte und 1947 in die Unabhängigkeit entlassene Land neutral verhalten. Es wollte keinem der beiden großen Militärblöcke angehören, da es Blockbildung als Gefahr für einen Dritten Weltkrieg sah und stattdessen für friedliche Koexistenz und Abrüstung optierte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Liberalisierung des indischen Wirtschaftssektors in den 90er Jahren positionierte sich Indien auch außenpolitisch neu. Heute scheint es eine Politik zu verfolgen, bei der es zunächst um die Festigung seiner Stellung im asiatischen Raum geht, um ein harmonisches Verhältnis zu China, Pakistan und Russland: Grenznachbarn, zu denen bisher ein harmonisches Miteinander durch historische Konflikte belastet war. In einem gemeinsamen Kommuniqué vom 02. Februar 2015 bekräftigten die Außennminister der russischen Föderation, der Republik Indien und der Volksrepublik China, dass man zukünfig gemeinsam auf eine “gerechtere, fairere und stabilere internationale politische und wirtschaftliche Ordnung” im Rahmen einer multipolaren Welt hinarbeiten wolle: ([to] “build a more just, fair and stable international political and economic order” and a “multi-polar” world.”

Indien verhandelt aber auch mit den Vereinigten Staaten. Als erster US-Präsident nahm Barack Obama an der Parade zum indischen Nationalfeiertag (2015) teil. Die Einladung gilt als eine der höchsten Auszeichnungen des Landes und hatte einen symbolischen Wert. Für die Linke Indiens und auch viele indische Liberale verkörpern die USA imperialistische Arroganz und den Anspruch auf globale Vorherrschaft. Die nationalistische Rechte in Indien sieht in den Vereinigten Staaten das Paradebeispiel einer dekadenten westlichen Zivilisation. Was jedoch weder das eine oder das andere Lager daran hindert, ihre Kinder zum Studium an führende amerikanische Universitäten zu schicken. Als Kommentar der damalige russische Botschafter in New Delhi, Alexander Kadakin: “India has recently become a “rich fiancé with many bridegrooms”.

Indien ist Mitglied im Verbund der BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika). Das Akronym wurde in seiner ursprünglichen Fassung (BRIC) durch eine Abhandlung von Jim O’Neill (geb. 1957), Ökonom und Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, im November 2001 popularisiert. [15] O’Neill prognostizierte damals eine bevorstehende Auseinandersetzung zwischen den Industriestaaten und den sog. Schwellenländern (emerging countries). Letztere hatten damals hohe Wachstumsraten.

Demografisch betrachtet ist Indien ein junges Land mit vielen Potentialen. Damit unterscheidet es sich von anderen Ländern im asiatischen Raum, z.B. China und Japan, aber auch von vielen Ländern Europas, in denen die Veralterung der Gesellschaft zunehmend zur Herausforderung wird. Indien wird in Zukunft mit unterschiedlichen Instrumenten und unterschiedlichen Reichweiten, sowohl in Asien wie auch global, teils in Konkurrenz, teils in Partnerschaft und Kooperation und bisweilen auch im Konflikt seine Chancen nutzen. Was seine Rolle als Akteur auf der globalen Bühne betrifft, gibt es deutliche Grenzen. Die Herausforderungen, die Indien in Zukunft meistern muss, sind groß und vielfältig: der Kampf gegen die Armut, die Überwindung des rückwärtsgerichteten Kastendenkens, die Materialisierung der Geschlechtergerechtigkeit (gender equality) und letztendlich die Herstellung einer Balance zwischen der gesellschaftlich geforderten Energiebeschaffung und globalen ökologischen Dringlichkeiten.

O’Neill hat zwischenzeitlich seinen Job bei Goldman Sachs aufgegeben und widmet sich sozialen Themen. Seine Prognose heute: In Zukunft werde das Weltgeschehen vom Gegensatz von reichen und armen Ländern entschieden.

9. Living in a Globalized World: Indien und Wir

India_Yoga01BILDKOMMENTAR: Indischer Spiritualismus ist im Westen gefragt und zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig geworden. Auf Antrag des seit 2014 amtierenden PM Modi wurde Yoga als Weltkulturerbe anerkannt. In seiner Administration gibt es einen Minister für AYUSH (Ayurveda, Yoga und Naturheilkunde, Unani, Siddhi und Homöopathie). Dazu Arundhati Roy in einem ihrer Interviews sinngemäß: Viele Probleme Indiens gingen im Meer des Yoga-Hype verloren. Indien, aber auch die Welt, schaue von den wahren Problemen weg.VIEW IMAGE | VISIT PAGE

Was heißt es, in einer globalisierten Welt zu leben? Welche Vepflichtungen kommen damit auf uns zu? Spargel zu Ostern aus Südafrika, weil aufgrund eines kalten Frühlings die hiesige, regionale Versorgung nicht nachkommt. Erdbeeren, die hiesige Region zu dieser Zeit in ihrer vollen Geschmacksreife auch noch nicht hergibt, importiert aus Übersee. Billige Textilien kaufen zu können, die in Indien – oder anderen asiatischen Ländern – produziert werden, oft unter menschenverachtenden Umständen. Die “Globalisierung”, begleitet durch einen kritischen investigativen Journalismus, hat bei vielen Bürgern und Bürgerinnen hierzulande zu der Frage geführt, wie sie als KonsumentInnen, aber auch als StaatsbürgerInnen global achtsam und verantwortlich handeln können.

Sina Trinkwalder, eine deutsche Unternehmerin, die 2010 in Augsburg die ökosoziale Textilfirma „manomama“ gründete und 2011 die Auszeichnung Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit vom Rat für Nachhaltige Entwicklung erhielt, veröffentlichte auf Twitter (25.11.2014) die Berechnung für ein fair gehandeltes T-Shirt in Deutschland:

[E]in in Indien unter sauberen Bedingungen hergestelltes Öko-T-Shirt kostet bei einem indischen Label auf dem indischen Markt (also regionale Wirtschaft) 599 Rupien. Das entspricht 7,80 Euro. Arm ist laut indischer Regierung, wer unter 39 Rupien täglich für seinen Lebensunterhalt zur Verfügung hat. Das T-Shirt also kostet 15 mal soviel wie der Mindesttagessatz fürs eigene Leben. Ein in Deutschland hergestelltes Öko-T-Shirt unter fairen Bedingungen kostet 19,- Euro. Als Armutsgrenze gilt in Deutschland für eine allein stehende Person ein Einkommen von 979 EUR monatlich, das entspricht 32,34 Euro täglich. Das T-Shirt also kostet etwas mehr als die Hälfte eines Mindesttagessatz fürs eigene Leben. … [I]n meinen Worten: Act local, respect global![16]

2014 wurde Kailash Satyarthi (zusammen mit der Pakistanin Malala Yousafzai) mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Satyarthi, der seinen Job als Elektroingenieur aufgab, wurde für seinen jahrzehntelangen Kampf gegen Kinderarbeit in Indien ausgezeichnet. [17] Es gibt viele NGOs in Indien, die sich problemorientiert der vielen Herausforderungen Indiens annehmen. Viele von ihnen sind Selbsthilfegruppen. Die SHGs engagieren sich in unterschiedlichen Politikfeldern, in der Kommunalpolitik, u.a. für die Umsetzung von Regierungsprogrammen zur Gemeindeentwicklung und zur Unterstützung besonders bedürftiger Gruppen, vermitteln Informationen über die Sozialgesetzgebung, bieten Informationen zum Thema häusliche Gewalt an, erläutern das Recht auf Bildung und wie man es nutzen kann, etc. Durch aktive Lobbyarbeit bei Verwaltungsstellen und gewählten Gemeindevertretern versuchen sie, Mittel aus lokalen Entwicklungsfonds für ihre Dörfer zu mobilisieren. Sie bringen Themen und Problemstellungen aktiv in die örtlichen politischen Gremien (Dorfvollversammlung/Gram Saha) ein. Sie greifen praktische Anliegen auf, so z.B. die Trinkwasserbeschaffung, medizinische Versorgung, Bildung, den Bau von Straßen, Häuser für die Armen, Altersrenten oder das Verbot von Alkohol. Dass SHG-Mitglieder auf Gemeinderatssitzungen sprechen, hat u.a. erheblich zur Verbesserung der Situation von Frauen und ihrer Stärkung (empowerment) beigetragen. Die SHGs agieren besonders auch als Interessenvertretung (pressure groups) für die Rechte besonders benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Wer NGOs unterstützen möchte: MENUE, das Deutsche Portal für Hilfsorganisationen enthält Kurzporträts der jeweiligen Indien-Strategie und den spezifischen Arbeitsweisen vor Ort. Projektaktivitäten reichen vom Bau von Schulen und Geburtshäusern über Schulungen zu Themen aus Landwirtschaft, Hygiene und Gesundheit, Einkommensgenerierung bis hin zu medizinischer Versorgung, Mikrokreditvergabe und aktivem Umwelt- und Ressourcenschutz.

Bei der Hannover-Messe 2015 war Indien Deutschlands Partnerland. In der Vergangenheit war die deutsch-indische Zusammenarbeit nicht immer für die Gesamtbevölkerung Indiens problemlos. Historisches Beispiel aus den frühen Jahren der indischen Republik: das Stahlwerk in Rourkela.[18] Das mag Äonen herliegen. Unlängst twitterte Hans-Christian Ströbele (‏MdB, Bündnis 90/Die Grünen): “Absurd: Bundesregierung beteiligt #Heckler&Koch nach illegalem Waffenhandel mit Mexiko an Exportgesprächen in Indien.” (Hierzu: Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 87. Sitzung. Berlin, den 25. Februar 2015.)

In der Berichterstattung zum Weltwirtschaftsforum in Davos (2015) war von einer schweizerischen Initiative die Rede. Es ging darum, Unternehmen, die sich nachweislich in Geschäftspraktiken einlassen, die im Gastland Standards verletzen, die im Ausgangsland gang und gebe sind, vor ein nationales Gericht zu stellen. (Hannes Koch, „Wirtschaftsforum in Davos: Auszug der NGOs,“ die taz, 26.01.2015)

Anmerkungen
2. Shining India: Ein gigantisches Modernisierungsprojekt
[1] Bei den Parlamentswahlen 2014 erhielt die hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) erstmals auf zentralstaatlicher Ebene die absolute Mehrheit. Als Nachfolgerin der einstigen Bharatiya Jana Sangh (BJS) , 1951 von Syama Prasad Mookerjee, einem nationalistischen Führer, ehemaliger Außenminister der Union und den Freiheitskämpfern gegründet, tritt die Partei laut Eigenaussagen für das Wohlergehen Indiens in der Sozialpolitik, Selbstvertrauen, ein robustes Wirtschaftswachstum, sowie die eine nationalistische Agenda bestimmte Außenpolitik ein. Die BJP ist historisch belastet. PM Narenda Mori war seinerzeit im Bundesstaat Guajarat in 2004 in Ereignisse involviert, die kein utes Licht auf ihn werfen.

[2] Kalam war 2002 bis 2007 Staatspräsident Indiens. Er wurde von seinen Anhängern wegen seines Patriotismus als “200-prozentiger Inder” gelobt. Seine Visionen waren ehrgeizig: Bis 2020 könne man Indien in die oberste Reihe der Weltmächte bringen: “Träume, träume, träume! Setze diese Träume in Gedanken um und handle”, so sein Motto (1998). Being Indian. The Truth about why the 21st Century will be India’s (Penguin Books India, New Delhi 2004) untersucht u.a. Indiens Zukunfts-perspektive als wirtschaftliche, militärische und technologische Macht.
[3] Vandana Shiva “Von Saatgut und Saatgutmultis” (TRAILER)
[4] Arundhati Roy, Capitalism: A Ghost Story (2014). Arundathi Roy begann ihre Weltkarriere mit dem Roman The God of Small Things (1979).Danach widmete sie sich mehr als 15 Jahre ausschließlich der non-fiktionalen Literatur. Ihre Arbeit mit dem Titel The Doctor and the Saint ist eine Untersuchung über das Kastenwesen, das sie schon in The God of Small Things ansatzmäßig und aus literarischer Perspektive untersucht hatte. In der Einleitung zur Neuauflage des Klassikers von BR Ambedkar, The Annihilation of Caste (1936), arbeitet sie das schwierige Verhältnis zwischen den beiden damaligen Kontrahenten in Sachen indische Kasten-Politik, Gandhi und Ambedkar, auf. Für sie ist (der historisch vernachlässigte) Ambedkar, der als “unantastbar” geboren wurde, der wahre Held der ehemals “Unberührbaren”.

3. Living with Poverty: Armut und Armutsbekämpfung

[5] Der “informelle Sektor” umfasst Arbeitende, die ohne Tarife, rechtliche Bindungen und klare Verhältnisse arbeiten: Tagelöhner, Zeitarbeitende und Selbstständige.

4. Modernization Meets Tradition: Kastenwesen und Kastendenken
[6] Die Dalits (vormals “Unberührbare”, “Harijans”) gehören traditionell einer Kaste (Jati), jedoch keiner Varna an. Sie machen – geschätzt – etwa 15% der Bevölkerung aus.
[7] Die Adivasi (indigene Völker) setzen sich aus etwa 460 Völkern und Gemeinschaften zusammensetzen. Sie gelten als Nachfahren der sog. ersten Bewohner Indiens. Die 85 Millionen Adivasi bilden 7,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie leben über ganz Indien verstreut.
[8]The Untouchable wurde von Penguin Classics 2014 neu aufgelegt.

5. Geschlechtergerechtigkeit: Wenn Kultur tötet
[9] Nachtschule in einem kleinen Ort Ghirr in Rajasthan. Tagsüber müssen Schüler und Schülerinnen arbeiten. Lernen können sie nur unter Sternen.
[10] Im Tamil bedeutet /wiki/Sumangali”>”Sumangali” “schöne Braut.” Arme indische Familien verpflichten ihre Töchter, für drei bis vier Jahre in der Textilbranche zu arbeiten, damit sie sich die Mitgift für eine zukünftige Heirat, die sie, als Eltern, nicht aufbringen können, selbst erarbeiten. Den Eltern wird versprochen, dass ihre Töchter nache Ende der Vertragszeit neben der Abfindung für die “Aussteuer” eine gute Ausbildung erhielten. Viele Mädchen halten die 3- oder 4-jährige Zeit nicht durch: Kasernierung, lange Arbeitsstunden, wenig Schlaf: Sie wurden krank. Da es in der Regel keine schriftlichen Verträge zwischen den ArbeitnehmerInnen und den Arbeitgebern gibt, blieben die Mädchen nach zwei oder drei Jahren “Sklavenarbeit” weitgehend unentlohnt auf der Strecke. Terre des hommes und andere humanitäre Organisationen bezeichnen das Sumangali-Prinzip als Ausbeutung und Sklaverei.
[11] Nicht alle indische Polizisten ignorieren das Problem. Die Geschichte des Joydeep Naiak wurde durch Twitter weltweit bekannt. Naiak war leitender Polizeibeamter im Bundesstaat Odisha. Er hatte die Idee für einen Anzeigen-Automaten: Iclick. Das Kürzel steht für Instant Complaint Logging Internet Kiosk. Es handelte sich um einen Automaten mitten in der Stadt, im Vorraum einer Bank, direkt neben dem Geldautomaten. Frauen würden hier über Internet Anzeigen bei der Polizei aufgeben. Sie würden ihren Fall per Mail melden oder aufsprechen und dann abschicken, bevor sie den Tatbestand ausgewählt hatten: Vergewaltigung, Missbrauch durch den Ehemann, Entführung oder sexuelle Belästigung. Die Aufnahme und andere Daten – Handynummer etc. – werden per Mail an die Polizei geschickt.

7. Zivilgesellschaft, Protestkultur und Widerstand
[12] Für Lutz Getzschmann geht es in seiner Arbeit Indien und die Naxaliten: Agrarrevolution und kapitalistische Modernisierung (2011) bei den Naxaliten um eine Bewegung, die nicht nur den Ausgebeuteten und Unterdrückten eine Heimat verspricht, sondern sich für eine gerechtere Gesellschaft engagiert. Die Naxaliten-Bewegung habe politische Subjekte aktiviert, denen der traditionelle produktivistische, auf das Industrieproletariat fixierte Marxismus-Leninismus keine Beachtung schenke: arme, unterprivilegierte, marginalisierte Gruppen, die sich in Konfrontation mit einem formal zwar abgeschafften, dennoch im sozialen Alltag präsenten Sozialsystem befänden. Vor fast drei Jahrzehnten hatte schwedische Journalist Jan Mydal in seinem umstrittenen, von Empörung, Leidenschaft und Engagement getragenen Buch Indien bricht auf (1986) ein Kapitel den Naxaliten gewidmet. Roter Stern über Indien: Wenn die Verdammten dieser Erde sich erheben. Impressionen, Reflexionen und vorläufige Folgerungen (2011) schließt daran an. Myrdal war zusammen mit dem renommierten indischen Journalisten Gautam Navlakha von der Führung der Kommunistischen Partei Indiens (KPT-M) eingeladen, in einem Exklusivinterview mehr über das Überlebens und die selbstkritischen Lernprozesse der Naxaliten zu erfahren. Immer noch geht es ums Überleben in einem epischen Kampf (von der Regierung zynischerweise ‘Green Hunt’ = Grüne Jagd genannt) zwischen den unterernährten, schlecht ausgerüsteten, aber hoch motivierten indigenen Völkern, den Adivasis, und den Armen, den Dalits, und der modernst gerüsteten Armee und Polizei Indiens. Aber es gibt eine Chance in dem heutigen Indien, das zwar ein enormes Wirtschaftswachstum erlebt hat, aber innerlich derart korrupt und verrottet ist, das eine derart unmenschliche, brutale Politik gegen die eigenen Völker führt.
Seit mehr als einem Jahrzehnt hat Arundhati Roy als artikulierte Dissidentin durch eine Reihe leidenschaftlicher Essays, Reden und Bücher die religiöse Rechte und die Barone des Großkapitals angegriffen und gegen die politische, wirtschaftliche und Militärpolitik des indischen Staates argumentiert. Auch sie war bei den Naxaliten zu Gast. In Walking with the comrades (2011) schildert sie Eindrücke, die sie gewann, als sie mit den Genossen durch die Wälder Dandakaranyas marschierte.
[13] Die Gram Sabha ist der Grundstein der demokratischen Dezentralisierung in Indien, festgelegt im 73. Zusatzartikel zur indischen Verfassung. Sie ist ein Treffen aller Erwachsenen, die im Bereich eines Panchayat (Einheit der lokalen Selbstregierung) leben. Jeder, der/die 18 Jahre alt oder älter ist und das Wahlrecht hat, ist Mitglied. Erfolg oder Misserfolg hängt weitgehend davon ab, wie leistungsfähig und effektiv die GS ist, auf dezentraler Ebene den Wünschen und Anregungen der Menschen gerecht zu werden.
[14] Indien verfügt über Atomwaffen. Es sieht so aus, als steige das Land zum weltgrößten Waffenimporteur auf. In vielen Schwellenländern scheint der Fehlglaube vor zu herrschen, dass es militärisches Potential erfordere, um Macht zu demonstrieren.

8 .“A rich fiancé with many bridegrooms”: Indien als Akteur auf globaler Bühne
[15] BRICS – damals noch ohne Südafrika – war ursprünglich (2001) vom Goldman-Sachs-Strategen Jim O’Neill als Analysekonzept für Zukunftsmärkte kreiert worden. (Zu O’Neill und den Schwellenländern vgl. Follath, Erich und Hesse, Martin. “Schwellenländer: Die Zweite Welle.

9. Living in a Globalized World: Indien und Wir

[16] Sina Trinkwalder und ihr Projekt erhielten eine breitere mediale Aufmerksamkeit, nachdem eine Bloggerin auf den Skandal um ihre von der Drogeriekette dm verkauften manomama-Taschen.
[17] Kindesarbeit ist in Indien immer noch weit verbreitet. SYNGENTA, BAYER, MONSANTO: Kinderarbeit bei Zulieferern.
[18] Das Stahlwerk von Rourkela war eines der größten deutschen Entwicklungshilfeprojekte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Projekt wurde durch Unternehmen wie AEG, Bown, Boveri & Cie, Krupp und Demag unterstützt. Es wurde mitten in den Wäldern geplant, in verkehrsgünstiger Lage unweit indischer Eisenerz-Abbaustätten. Für den Bau des Stahlwerks wurden rund 16.000 Bewohner von 32 Dörfern umgesiedelt. Es betraf vor allen die Adivasi. Über die sozialen Folgeerscheinungen der sogenannten “Entwicklungshilfe” haben wir uns damals keine Gedanken gemacht.

 

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Zitierhinweis: Ingrid Kerkhoff. “Zwischen Entwicklungstraum und sozialer Wirklichkeit: Zum Neuen Indien”. www.the-world-speaks-english.com. (April 2015).
Kontakt: ingrid.kerkhoff@gmx.de

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